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Hast du Töne!

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Hast du Töne!

Musik ist dabei wörtlich zu nehmen: Die Menschen der Steinzeit haben nicht nur wild getrommelt, wie man sich das vielleicht vorstellen könnte, sondern sie haben auch ein melodisches Instrument verwendet - eine Flöte, geschnitzt aus Mammut-Elfenbein.

Archäologie-Professor Conard von der Uni Tübingen bei der Arbeit. Sein Team hat das Rätsel um das "Elfenbeinfragment" gelöst. Foto: Conard/Uni Tübingen

Das Instrument wurde schon in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts im Geißenklösterle (eine Höhle in der Nähe von Blaubeuren auf der schwäbischen Alb) entdeckt, aber damals nicht als Flöte erkannt. Denn im Laufe der Jahrtausende wurde der Fund beschädigt, so dass die Forscher zunächst nur notierten, sie hätten ein "mit Kerbreihen verziertes Elfenbeinstabfragment" (Fragment = lat. "Bruchstück") gefunden.



Die Mammut-Elfenbeinflöte von der Schwäbischen Alb. Am langen, dünnen Steg fehlen Teile. Vermutlich befand sich dort auch das Mundstück. Foto: Juraj Liptak/Uni Tübingen

Künstler seit 40000 Jahren

In der Gegend waren schon öfters Elfenbeinschnitzereien gefunden worden, die man auf ein Alter von 30000 bis 40000 Jahren schätzt (Zeitalter des Paläolithikums). Sie gehören, ebenso wie gleich alte Felszeichnungen aus französischen Höhlen, zu den frühesten Hinweisen auf eine künstlerische Ader des Menschen. Aber erst in den letzten Jahren hat man die in den 70er Jahren entdeckten Funde noch einmal genau analysiert. Dabei fand man überraschendes heraus.

Die Flöte von der Seite. Wenn ihr genau hinseht, könnt ihr die Einkerbungen entdecken, die vermutlich zum Verkleben der beiden Hälften angebracht wurden. Foto: Juraj Liptak/Uni Tübingen

Die beauftragte Archäotechnikerin (="Erforscherin alter Technologie") fand noch weitere 31 Elfenbeinsplitter mit Kerben, die sich wie ein Puzzle zusammensetzen ließen. Die Kerben waren vermutlich Klebestellen, an denen der unbekannte Erbauer die Flöte mit Birkenpech zusammenleimte. Birkenpech wird aus der Rinde der Birke gewonnen und dient schon seit 80000 Jahren zum Kleben und Abdichten.

Ähnliche Flöten-Fragmente wurden schon mehrere gefunden, aber diese waren aus Vogelknochen hergestellt. Aus Vogelknochen kann man viel leichter eine Flöte machen, weil sie von Natur aus hohl sind.

Elfenbein - ein besonderes Material

Die Verwendung von Elfenbein deutet nach Ansicht der Forscher darauf hin, dass Musik damals einen hohen Stellenwert hatte und die Flöte vielleicht auch in heiligen Ritualen eingesetzt wurde. Das Material hat vielleicht sogar magische Bedeutung gehabt, weil es aus der Waffe des größten Beutetieres, des Mammuts, stammt.

Die Herstellung aus Elfenbein war schwierig, weil man aus dem gekrümmten Elfenbein zunächst ein Rohr schnitzen musste. Das wurde dann in zwei Hälften gespalten, ausgehöhlt und drei Löcher zum Spielen gebohrt. Anschließend wurden die beiden Teile poliert und mit Birkenpech wieder zusammengeleimt.

So funktioniert eine moderne Blockflöte: Die Schneidekante lenkt die durch das Blasen entstehenden Luftwirbel abwechselnd nach oben und unten. Dadurch gerät die Luft in der Flöte ins Schwingen und erzeugt einen Ton.

Klang vergangener Zeiten

Für diese komplizierte Arbeit mit primitiven Werkzeugen wurden die Menschen damals mit einem besonderen Klang belohnt. Denn weil das Elfenbein, anders als Holz oder Vogelknochen, poliert werden konnte, war der Klang einer solchen Elfenbeinflöte viel reiner und klarer. Die im Geißenklösterle gefundene Mammut-Elfenbeinflöte klang außerdem tiefer als Flöten aus Vogelknochen, einfach weil sie länger war.

Die Töne, die die Flöte von sich gab, werden für unsere Ohren ungewohnt gewesen sein. Außerdem konnte der Spieler auch durch seine Blastechnik die Tonhöhe stärker beeinflussen, als es bei modernen Flöten möglich ist. Die Forscher haben aus Holunderholz die Elfenbeinflöte rekonstruiert (="nachgebaut"). Sie sei zwar schwer zu spielen, aber die Löcher waren in solchen Abständen angebracht, dass sich die Flöte, trotz ungewohntem Klang, auch für uns harmonisch angehört hätte.

Übrigens...

Prähistorisch nennt man die Zeit, bevor verlässliche schriftliche Überlieferungen vorliegen. Im allgemeinen bezeichnet man damit die Zeit vom Auftreten der ersten Steinwerkzeuge vor ca. 2,5 Millionen Jahren bis zu den ersten schriftlichen Überlieferungen der Sumerer aus dem 4.Jahrtausend vor Christus.

Felszeichnungen, egal ob etwas bildlich oder nur symbolisch dargestellt ist, bezeichnet man auch als Petroglyphen. Das Wort ist Griechisch und setzt sich zusammen aus Petros=Stein und glyphein=schnitzen oder meißeln. (Daraus kann man weitere Worte ableiten, etwa Petroleum=Steinöl und Hieroglyphen=heilige Zeichen. So bedeutet Hierarchie "heilige Ordnung".)

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WAS IST WAS-Erlebniswelt: Der Urmensch

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Was weiß man noch über das Paläolithikum?

WAS IST WAS-Band 116: Musikinstrumente

WAS IST WAS-Band 2: Der Mensch

Text: -jj- / 4.2.2005 / Illustrationen: WAS IST WAS-Band 2: Der Mensch/ Band 116: Musikinstrumente

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