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Contergan vom Markt genommen

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Contergan vom Markt genommen

1957 kam ein neuartiges Schlafmittel auf den Markt, das sich bald durchsetzte, da es angeblich keinerlei schädliche Nebenwirkungen besäße: Contergan. Schwangeren Frauen wurde das Medikament besonders empfohlen, da es auch gegen die morgendliche Übelkeit, die besonders in den ersten Schwangerschaftsmonaten auftritt, half.

Zeitgleich fiel auf, dass immer mehr Säuglinge mit Missbildungen zur Welt kamen: Arme,  Beine oder Ohren fehlten, bei manchen waren Hände oder Füße direkt am Rumpf angewachsen, innere Organe waren fehlgebildet. Wie es dazu kam, war unbekannt.

Auf einer Ärztetagung im November 1961 sprach der Kinderarzt Doktor Widukind Lenz den Verdacht aus, dass zwischen der Einnahme des Medikaments und den Behinderungen der Kinder ein Zusammenhang bestehen könnte. Die Firma Grünenthal, die das Medikament herstellte, wollte es zunächst nur mit einem Warnhinweis versehen weiter verkaufen, nahm es aber am 27. November 1961, als die ersten Zeitungsartikel über die schädigende Wirkung des Präparates erschienen, vom Markt.

Wie viele Kinder durch Contergan geschädigt wurden, darüber gehen die Zahlen stark auseinander: von 4000 bis 12000 Opfern wird gesprochen. Sehr viele Kinder starben schon kurz nach der Geburt. Heute leben in Deutschland noch rund 2500 Contergangeschädigte. Hier war das Medikament am verbreitetsten, wurde aber auch in einigen anderen Ländern angeboten.
 
 
Die Folgen

Erst fünf Jahre später, 1966 kam es zur Anklage gegen Eigentümer und Mitarbeiter der Firma Grünenthal. Jahrelang zog sich der Mammutprozess in die Länge. Die betroffenen Kinder gingen bereits in die Schule. 1970 wurde das Verfahren eingestellt. Zu einer strafrechtlichen Verurteilung von Grünenthal - Mitarbeitern kam es nicht. Die Verantwortlichen wurden wegen "geringer Schuld" und "geringer Bedeutung für die Öffentlichkeit" freigesprochen.

Die Pharmafirma erklärte sich bereit, 100 Millionen DM für die Betroffenen zu investieren. Die Bundesregierung gab noch einmal die gleiche Summe dazu. Daraus entstand eine Stiftung, die bis heute Renten an die Opfer zahlt.


Das persönliche Leid der Betroffenen wird durch das Geld nicht gemindert. Ob die Summen von etwa 100 bis 500 Euro monatlich, die je nach Schwere der Behinderung ausgezahlt werden für die Aufwendungen ausreichen, die nötig sind, um die Folgen der Behinderung zu bezahlen, ist fraglich.

Die meisten Geschädigten leiden nämlich unter ständigen Schmerzen, da die gesunden Körperteile die fehlenden zum Teil ersetzen und dadurch dauerhaft überbelastet sind. Außerdem benötigen viele speziell angefertigte Autos und zahlreiche Umbauten in ihren Wohnungen um einigermaßen eigenständig leben zu können. Viele der Opfer sind außerdem von Arbeitslosigkeit betroffen.


Aktion Sorgenkind gegründet

Aus Anlass der Contagan-Katastrophe wurde 1964 die Aktion Sorgenkind gegründet, eine Lotterie zugunsten von Kindern mit Behinderung. Heute heißt sie Aktion Mensch und unterstützt neben behinderten und notleidenden Kindern auch Erwachsene.

Thalidomid heute Waffe oder Wundermittel?

Der Wirkstoff Thalidomid, der damals unter dem Namen Contergan verkauft wurde, wird auch heute noch für medizinische Zwecke eingesetzt. In der Therapie von tödlichen Krankheiten wie Krebs oder AIDS erwies er sich als hilfreich, da er in vielen Fällen das Befinden der Kranken verbessert bzw. die weitere Ausbreitung der Krankheiten bremst.

Sehr problematisch bleibt jedoch, dass die Wirkungsweise des Thalidomids bis heute nicht geklärt ist. Die Nebenwirkungen, die schon in den 50er Jahren festgestellt wurden, gibt es weiterhin. So kann es die Nerven schädigen, wodurch die Empfindungen in Armen oder Beinen gestört werden.

Und natürlich ist das Risiko für ungeborene Kinder immer noch vorhanden. Solange die Medikamente kontrolliert verabreicht werden, kann weitgehend vermieden werden, dass die Patientinnen während der Therapie schwanger werden.

Doch in Dritte Welt Ländern, beispielsweise in Südamerika wird Thalidomid gegen Lepra verabreicht. Viele Leprakranke können nicht lesen und deuten die bebilderten Packungsbeilagen, die eine durchgestrichene schwangere Frau darstellen, falsch. Sie meinen, das Medikament wirke wie eine Anti-Baby-Pille. Man vermutet, dass dadurch bereits mehrere hundert Kinder mit Fehlbildungen zur Welt kamen.

Contergan-Film verboten

Im Herbst 2006 hätte ein Film über den Contergan-Skandal in der ARD laufen sollen. Sein Name Nur eine einzige Tablette. Doch die Firma Grünenthal setzte sich gerichtlich dagegen zur Wehr, da die geschichtlichen Fakten im Film ihrer Ansicht nach nicht korrekt wiedergegeben würden. Gleichzeitig vereitelte sie damit die kritische Auseinandersetzung mit diesem Thema.

Linktipps:
Vereinigung Contergangeschädigter: http://www.contergan.de/

Linksammlung zum Thema Contergan: http://www.k-faktor.com/contergan/

Aktion Mensch http://www.aktion-mensch.de/

Text: lm 27.11.06

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