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Reichenauer Buchmalerei - Gedächtnis der Menschheit

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Reichenauer Buchmalerei - Gedächtnis der Menschheit

Am 17. Oktober 2004 wird die Buchmalerei des Klosters der Insel Reichenau in das UNESCO- Register "Memory of the World" - "Gedächtnis der Menschheit" aufgenommen. Die Handschriften zählen zu den bedeutendsten Manuskripten der ottonischen Zeit. Aber was bedeutet "ottonisch" und was ist so besonders an diesen Texten?

Skulptur von Otto I.

Ottonische Zeit? Wann war das?

Nach Karl dem Großen im 9. Jahrhundert zerfiel das Ostfränkische Reich. Die einzelnen Stämme waren unter ihren Fürsten selbstständig. Sie hatten kein Interesse an einem geeinten Königreich. Von Osten aus griffen die Ungarn an und von Norden die Normannen. Als die Gefahr zu groß wurde für die Einzelnen, wählten die Fürsten einen König, um gemeinsam der Bedrohung Herr zu werden. Es wurde der Sachsenherzog Heinrich I., der aus dem Geschlecht der Liudolfinger stammte. Mit ihm begann die Herrschaft der sächsischen Könige und Kaiser. Die Zeitspanne, in der sie regierten wird deshalb auch ottonische Zeit genannt, weil drei der Herrscher Otto hießen. Sie regierten das Reich bis 1024, weiteten ihre Macht aus und verhalfen ihm zu einer neuen Glanzzeit.

Aus dem Evangeliar Otto III.

Die Reichenauer Handschriften

In diese Zeit fiel auch eine kulturelle Blüte, in der die Buchmalerei eine ganz besondere Stellung einnahm. Auch die Reichenauer Handschriften stammen aus der ottonischen Zeit. Die Benediktinerabtei Reichenau besaß im 10. und 11. Jahrhundert die wohl größte und einflussreichste Malschule Europas. In ihrer Hauptblütezeit zwischen etwa 970 und 1010/20 entstanden dort im Auftrag der höchsten Kreise der damaligen Gesellschaft - Reichsbischöfe, Könige und Kaiser - eine Reihe meist liturgischer Prachthandschriften.

Eine klösterliche Schreibstube

Klöster und die Buchmalerei

Damals gab es noch kein Druckverfahren und schreiben oder lesen konnte auch nicht jeder. Die Mönche in den Klöstern lernten Latein und waren des Schreibens mächtig. In den Klöstern gab es extra Schreibstuben. Dort schrieben die Mönche per Hand auf Pergament Texte aus der Heiligen Schrift, Gebete, Predigten oder andere fromme Seiten, aber auch Schriften von Dichtern und Denkern der Antike, Geschichtswerke und Gesetzestexte ab. Die Arbeit verlief still, kein Wort wurde geredet.

Die Bücher waren sehr kostbar und so wurden sie sogar mit kleinen Ketten an die Tische befestigt, damit sie nicht gestohlen werden konnten.

Kunstvoller Anfangsbuchstabe, auch Initiale genannt.

Die Kunst der Buchmalerei

Oft wurden diese Bücher mit kostbaren Verzierungen und aufwändigen Bilder ausgeschmückt. Neue Absätze oder Kapitel wurden mit kunstvollen Anfangsbuchstaben, so genannten Initialen, verziert. Kleine Szenen und Blütenranken schmückten den Text aus.

So viel Aufwand und Arbeit war natürlich sehr teuer und so musste ein Fürst eine prächtig bebilderte Bibel dann mit einem großen Wald oder einem Weinberg bezahlen. Den Lohn erhielten nicht die Mönche, sondern der Orden. Die Reichenauer Mönche gehörten zum Benediktinerorden.

Aus dem Evangeliar im Bamberger Dom

Der Benediktinerorden

Dieser Mönchsorden war der erste und lange Zeit auch der wichtigste Orden. Er war nach seinem Gründer Benedikt von Nursia benannt. Die strengen Ordensregeln des Heiligen Benedikt wurden mit der Zeit immer weniger befolgt. Er forderte von seinen Anhängern Arbeit und Gebet. In der Folge entstanden immer wieder neue Orden wie die Zisterzienser oder die Franziskaner, benannt nach Franz von Assisi.

Die Reichenauer Benediktinermönche wurden für ihre außergewöhnlich schöne Malerei berühmt. Ihre Schreibstube entwickelte eine eigene kunstvolle Form und so spricht man heute auch von der Reichenauer Malschule. Sie wurde für die ottonische Zeit wegweisend und beeinflusste auch die Malerei der folgenden Jahrhunderte. Mit ihren anspruchsvollen Bildern, den ausführlichen Miniaturzyklen zum Leben Christi oder den Kaiserbildern, die den liturgischen Handschriften eingefügt sind, gelten sie noch heute als etwas ganz Besonderes.

Aus dem so genannten Perikopenbuch Heinrich II.

Zehn Manuskripte aus Reichenau

Bekannt sind zehn Manuskripte der Reichenauerschule, die heute auf verschiedene Bibliotheken verstreut sind: In der Bayerischen Staatsbibliothek München sind zum Beispiel das Evangeliar Kaiser Ottos III, ein Evangeliar aus dem Bamberger Dom und das Perikopenbuch Kaiser Heinrich II, jedes ein prunkvolles Buch mit kostbarem Einband, verziert mit Gold, Edelsteinen und Elfenbein.

Außerdem befinden sich Texte in der Staatsbibliothek Bamberg, in der Hessischen Landesbibliothek Darmstadt, in der Stadtbibliothek Trier oder im Aachener Domschatz. Auch im Ausland sind einige Handschriften zu finden: in der Biblioth¨que Nationale de France in Paris und im italienischen Friuli.

Was bedeutet Memory of the world?

Memory of the World - Gedächtnis der Menschheit wurde 1992 von der UNESCO ins Leben gerufen. Es ist ein Programm, das wichtige geschichtliche und kulturelle Dokumente weltweit zugänglich machen will. Damit will man sie in Erinnerung halten und davor bewahren, zerstört zu werden. Das Register des Weltdokumentenerbes umfasst gegenwärtig 91 Dokumente aus 45 Ländern. Dazu zählen auch die zehn Handschriften der Klosterinsel Reichenau im Bodensee.

Die Schatzkammer der Bayerischen Staatsbibliothek (Ludwigstr. 16, 80539 München) zeigt in einer Ausstellung von 18. Oktober bis 28. November 2004 diese Handschriften. Geöffnet ist jeweils Mo So 10.00 17.00 Uhr, Di und Do bis 20.00 Uhr; 1. November geschlossen. Der Eintritt ist frei!

Mehr über die Buchmalerei, das Leben in einem Kloster, über das Mittelalter, die Kaiser, Könige und die mittelalterliche Kunst könnt ihr in dem neuesten Band der WAS IST WAS Reihe, Band 118 Mittelalter nachlesen.

Tolle Seite von Schülern über die Ottonen www.ottonenzeit.de/.

-ab- 14.10.04 Text / Fotos:Schreibstube und Initiale: Illustrationen aus WAS IST WAS Band 118 Mittelalter; Otto I.: Skulptur am Dom zu Halle; Beispiele aus den Handschriften der Reichenauer Manuskripte, siehe Internetseite Bayerische Staatsbibliothek München.

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