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Dürrenmatts Physiker: Die Welt als Irrenhaus

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Dürrenmatts Physiker: Die Welt als Irrenhaus

Ob als Pflichtlektüre oder beliebtes Schultheaterstück, Die Physiker von Dürrenmatt gehören zu den bekanntesten Theaterstücken der Weltliteratur und werden besonders an Schulen gerne gelesen. Hier erfahrt ihr warum.

Das Stück handelt von drei Physikern, die sich in einer Irrenanstalt befinden. Der eine hält sich für Newton, der andere für Einstein und der dritte - Möbius - behauptet sogar, dass ihm der altbiblische König Salomon erschienen sei. Ein Haufen Verrückter also, die zudem auch noch gemeingefährlich sind: Jeder von ihnen hat eine Krankenschwester umgebracht.



Verrückt oder berechnend?

Eine ziemlich abstruse Ausgangssituation. Aber es kommt alles noch dicker: Nach und nach stellt sich heraus, dass die drei Physiker gar nicht verrückt sind. Im Gegenteil: Sie haben sich freiwillig für verrückt erklären und in die Klinik einweisen lassen. Warum sie das getan haben? Möbius hat ein furchtbares Geheimnis zu verbergen: Die Entdeckung der Atombombe.

Mit dem Geheimdienst im Bunde 

Alles furchtbar überzogen und unrealistisch, meint ihr? Zwei Physiker im Dienste des amerikanischen und russischen Geheimdienstes, die einem dritten Physiker das Geheimnis der Atombombe entlocken wollen? Eine Irrenärztin, die die Weltherrschaft an sich reißen will? Zugegeben: Um die Physiker zu verstehen, muss man sich den geschichtlichen Entstehungshintergrund der grotesken Komödie vor Augen halten. Und schon wird das Bild klarer.


Der "Kalte Krieg" als Hintergrund

Als Dürrenmatt Die Physiker schrieb, erreichten der Kalte Krieg zwischen Amerika und der damaligen Sowjetunion gerade seinen Höhepunkt. Hinter diesem Fachbegriff verbirgt sich das zeitweise äußerst angespannte Verhältnis der beiden Supermächte inklusive Wettrüsten. 1962 kam es durch die so genannte Kuba-Krise tatsächlich um ein Haar zum Krieg und damit auch zum Einsatz atomarer Waffen. Viele Menschen fürchteten sich damals vor der verheerenden Wirkung eines Atomkrieges. Erst gegen Ende der 80er Jahre entspannte sich die Lage.



Angst vor einem Atomkrieg

Wie in allen Dürrenmatt-Stücken ist die Verantwortung des Einzelnen ein zentrales Thema. Es geht nicht nur um die drei Wissenschaftler, die die Verantwortung für die möglichen Konsequenzen ihrer Arbeit tragen, sondern auch um die Verantwortung, die jeder Einzelne von uns gegenüber seinen Mitmenschen hat. Und um die Angst vor einem schrecklichen Krieg, der alles Leben auf der Erde zerstören kann.

Dürrenmatts Ideal vom "mutigen Menschen" 

Und weil Dürrenmatt kein Journalist oder Politiker war, sondern ein Schriftsteller, machte er aus diesem Stoff ein Theaterstück mit grotesken Zügen. Für ihn war die Welt ein Irrenhaus, in dem alle geltenden Regeln auf den Kopf gestellt werden. Der einzige, der noch moralische Prinzipien hat, ist Möbius, weil er seine schreckliche Entdeckung um jeden Preis verheimlichen will. Er entspricht Dürrenmatts Vorstellung vom mutigen Mensch, einem Ideal, dem wir in vielen Stücken Dürrenmatts begegnen. Doch auch der mutige Mensch kann den tragischen Verlauf der Geschichte nicht aufhalten.

Weltweiter Erfolg

Für das Publikum der Züricher Premiere waren Die Physiker ein Stück, das sich mit hoch aktuellen Themen auseinandersetzte und in seiner Konsequenz sehr beunruhigend war. Die Neue Zürcher Zeitung schrieb damals: ...kein Zuschauer entzieht sich tiefster Betroffenheit.... Die Physiker wurden schnell zu einem großen Erfolg an fast allen deutschsprachigen Bühnen, aber auch in London und New York.

Weiterhin aktuell

Und heute, 40 Jahre danach, sind die "Physiker" aktueller denn je.  Nur, dass sich die Art der Bedrohung verschoben hat. Realistischer als ein Atomkrieg ist gegenwärtig ein verheerender Terroranschlag. Das hat in den letzten Jahren nicht nur der 11. September bewiesen. Was denkt ihr darüber?!

akt. 20.2.2007 - Text: Marion Diwyak / Abbildung: Friedrich Dürrenmatt: Die Physiker, Diogenes Verlag

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