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Die Dame mit dem Klavier im Bauch

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Die Dame mit dem Klavier im Bauch

Ist es ein Möbelstück? Ist es ein Instrument? Ist es eine Skulptur? Und wieso kam man um das Jahr 1800 auf die Idee, ein Tasteninstrument so hübsch zu verpacken? Dr. Frank P. Bär, Leiter der historischen Musikinstrumenteabteilung des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg erklärt uns in einem Interview die "Dame mit dem Klavier im Bauch":

wasistwas.de: Gleich neben einer Harfe steht eine sehr imposante Dame, die sehr kurios ist. Es ist eine lebensgroße Figur aus Holz einer elegant gekleideten Dame, die plötzlich Schubladen in ihrem ausladenden Rock versteckt hat. War das damals ein übliches Möbelstück?

Dr. Frank P. Bär: Das Möbelstück als solches, der Typ des Nähtischklaviers, der war üblich. So wie es hier ausgeführt ist, ist es aber etwas ganz Einzigartiges.

Um 1800 waren Nähtischklaviere in Mode. Es war die Zeit, in der der Mann aus dem Haus ging und viel Geld bei der Arbeit verdienen sollte. Derweil blieben die wohlerzogenen Damen, Mütter und Töchter, zu Hause und übten sich in Konversation, also im Plauderton. Sie lasen Erbauungsliteratur, nähten und stickten. Um das Kochen und die Kinder kümmerte sich dagegen das Personal. Sonst hatten diese Hausherrinnen nicht all zu viel zu tun. Um sich die Zeit zu verteiben, spielten sie auch Tasteninstrumente. Das gehörte einfach dazu.

Aus dieser Zeit gibt es im Germanischen National Museum einige kleine Instrumente, die ein kleines Nähkästchen und ein Klavier eingebaut haben. Diese Skulptur, diese Dame ist nun etwas ganz Besonderes: Es ist eine lebensgroße Dame, die sehr, sehr viele Schubladen in ihrem Rock trägt, für Wäsche und Nähutensilien. Und in der Mitte kann man eine Schublade aus dem Bauch der Dame ziehen, da ist ein kleines Klavier, ein Klavichord drin. Das Klavichord ist ein Vorläufer des Klaviers, das schon im 14. Jahrhundert entwickelt wurde. Es ist ein Tasteninstrument, das sehr leise klingt und um 1800 nach und nach von den Hammerklavieren abgelöst wurde.

Wahrscheinlich hat es dem Herren sehr gut gefallen, der es seiner Frau geschenkt hat, denn es gibt ein Geheimfach in dieser Skulptur und da steht ein Loblied auf eine gute Flasche Burgunderwein drin.

wasistwas.de: Wenn man sich die Dame so ansieht, dann erstaunt einen schon die Bekleidung. Man kann kaum glauben, dass sich die Frauen damals so gewagt gekleidet haben wie die Dame aus Holz. Die Brüste sind ja fast vollkommen nackt und das Tuch ist auch noch so aufgelegt, dass man es auch ja richtig sieht. War das damals Mode?

Dr. Frank P. Bär: Gerade dieses unzüchtig wirkende Dekoltée der Figur war sicher nicht in Mode. Man hat damals schon Ausschnitt gezeigt, aber natürlich nicht so. Hier hat ja das Kleid so gut wie keine Funktion mehr. Wir wissen nicht, wie es der Dame am Klaviercord gefallen hat, ob es ihr überhaupt gefallen hat oder ob sich der Hausherr da nicht einfach einen Scherz erlaubt hat. Und ob er die Holzdame nicht wohl eher seinen Freunden gezeigt hat.

wasistwas.de: War das dann eine Einzelanfertigung auf den speziellen Wunsch eines Einzelnen?

Dr. Frank P. Bär: Also, das ist ganz bestimmt kein Serienprodukt. Da hat der Besteller sich einen großen Luxus geleistet und extra einen Auftrag an einen Holzbildhauer und Schreiner vergeben. Er muss dafür sicher sehr viel Geld ausgegeben haben und das Instrument oder Möbel stand bestimmt in einem sehr reichen Haus.

Wenn ihr mehr über die Geschichte des Instrumentenbaus, die verschiedenen Instrumentenarten oder darüber, wie das Klavier sich entwickelt hat, wissen wollt, dann könnt ihr im neuen WAS IST WAS Band 116 "Musikinstrumente" nachlesen. Den hat übrigens auch Frank P. Bär verfasst.

Und wenn ihr euch die "Dame mit dem Klavier im Bauch" anschauen wollt, dann könnt ihr euch hier auf den Seiten des Germanischen Nationalmuseums informieren.

-ab-23.09.03 Interview und Fotos.

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