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Drei-Schluchten Staudamm in China fertig

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Drei-Schluchten Staudamm in China fertig

Seit 1993 wird in der chinesischen Provinz Hubei der Drei-Schluchten-Damm gebaut. Der weltweit drittgrößte Fluss Jangtsekiang wird dadurch auf einer Länge von über 600 Kilometern zu einem gigantischen See. Eine zwei Kilometer lange und 185 Meter hohe Staumauer hält die Wassermassen.






Foto: Modell des Staudammes. An der rechten und linken Seite der Hauptstaumauer befinden sich die Turbinen für die Stromerzeugung, in der Mitte Hochwasser - Durchlauf. Rechts am Rand sind die Schleusen für die Schiffe.

Warum so ein riesiger Staudamm?

Erstes Ziel: Stromerzeugung

Fällt das Wasser durch die Öffnungen der Mauer in den 113 Meter tieferen Flusslauf so treibt es mit seiner Kraft Turbinen an, die wiederum 26 Generatoren dazu bringen, Strom zu erzeugen.

Auf diese Weise sollen nach offiziellen chinesischen Angaben jährlich 84 Terawattstunden ( = 84.000 Gigawattstunden) Strom erzeugt werden. Zum Vergleich: in Deutschland wird jährlich etwa das sechsfache, in China bisher das fünffache dieser Strommenge produziert. Das entspricht einer Leistung von 16 mittelgroßen Atomkraftwerken.

Die meiste Energie wird in China derzeit durch die Verbrennung von Kohle gewonnen. Weltweit erzeugt China nach den USA die größte Menge an Treibhausgasen. Insgesamt entstehen hier mehr als ein Drittel aller weltweit produzierten Schadstoffe.

Durch den Damm könnten theoretisch 50 Millionen Tonnen Braunkohle eingespart werden. Die chinesische Regierung preist daher das Projekt als Beitrag zum Umweltschutz. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass es zu einer solchen Einsparung nicht kommt, da die chinesische Wirtschaft und damit der Strombedarf des Landes weiter wächst.


Karte Chinas. Der Staudamm befindest sich dort, wo der Pfeil hinzeigt.







Zweites Ziel: Hochwasserschutz

Der Jangtsekiang ist bekannt für seine Flutkatastrophen, die in den letzten 100 Jahren drei Millionen Menschen das Leben kosteten. Immer häufiger kam es zum bedrohlichen  Hochwasser, allein sechs Mal in den letzten 15 Jahren. Der Staudamm soll nun das überschüssige Wasser aufnehmen.

Damit wird jedoch nichts gegen die Ursachen der Natur- Katastrophe unternommen, beklagen Kritiker. Der Jangtse trat zwar schon immer regelmäßig über die Ufer. Dadurch wurde aber auch das Ackerland regelmäßig mit fruchtbarem Flussschlamm überzogen und die Gegend ein attraktives Anbaugebiet.

Die schlimmen Überflutungen häuften sich allerdings in den letzten Jahren auf unnatürliche Weise. Verantwortlich dafür sind zum einen die Abholzung von Wäldern, die bisher große Mengen Regenwasser aufgenommen hatten. Zum anderen wurden auch immer mehr Seen in diesem Gebiet trockengelegt um Land für die stetig wachsende Bevölkerung zu schaffen. Bei Hochwasser kann der Fluss nun nicht mehr in natürliche Überflutungsgebiete ausweichen und überschwemmt Städte und Dörfer.

Nebenflüsse des Jangtse werden wohl auch in Zukunft von Flutkatastrophen betroffen werden, da der Staudamm dort nicht helfen kann.

Drittes Ziel: Mehr Schifffahrt auf dem Jangtsekiang

An vielen Stellen war der "lange Fluss", wie das Gewässer übersetzt heißt, sehr flach, sodass große Schiffe nicht sehr weit ins Landesinnere fahren konnten. Durch den Damm wird der Wasserspiegel um 40 bis 110 Meter angehoben. Nun können Frachter mit bis zu 10.000 Tonnen Gewicht den Fluss befahren.

Ein Schleusensystem neben der Hauptstaumauer wird den riesigen Kähnen helfen, den Höhenunterschied zu überwinden. Kleinere Schiffe bis 3000 Tonnen haben ab 2009 auch die Möglichkeit, einen Schiffsaufzug zu nutzen, der sie wesentlich schneller nach oben bzw. unten bringen wird. 

Deutsche Firmen bauen mit

Viele ausländische Unternehmen sind am Bau der Staumauer und des Kraftwerkes beteiligt, unter ihnen auch drei deutsche. Zwei Ingenieurbüros aus Darmstadt und Bad Vilbel entwickelten Pläne für das Schiffshebewerk. Ein Teil der Turbinen stammt von Siemens.


Foto: Blick in die Region der Drei Schluchten. Bald wird es hier anders aussehen, wenn der Wasserstand um bis zu 110 Meter steigt.





Risiken für Mensch und Umwelt

Umweltschützer und das chinesische Militär waren von Anfang an Gegner des riesigen Bauprojektes. Während das Militär vor allem vor Anschlägen auf die Betonmauer Angst hat, befürchten die Umweltexperten eine ganze Reihe negativer Konsequenzen, von denen einige bereits eingetreten sind.

Zwangsumsiedelung

In dem gigantischen See, der durch das Aufstauen des Wassers entsteht, versinken 13 große Städte wie Wanxian (140.000 Einwohner) oder Fuling (80.000 Einwohner) und rund 4500 Dörfer. Die ein bis zwei Millionen Menschen, die dort wohnten, mussten und müssen noch umgesiedelt werden.

Da die meisten von ihnen als Bauern ihren Lebensunterhalt auf den ertragreichen Böden nahe des Flusses verdienten, werden sie neben dem Verlust ihrer Heimat auch wirtschaftliche Einbußen haben, wenn sie in das kargere Bergland umziehen müssen.

Zwar hat die Regierung jedem Betroffenen eine Entschädigung von umgerechnet 3000 Euro versprochen, doch erreicht das Geld die Menschen kaum. Stattdessen fließt es in die Taschen von verbrecherischen Beamten.

Bedrohte Arten

Auch viele Tiere und Pflanzen verlieren ihre Lebensgrundlage. Etwa 3000 Pflanzen- und 300 Fischarten sind durch das Projekt vom Aussterben bedroht. 22 weitere Tierarten, die bereits auf der Liste der bedrohten Arten stehen, sind außerdem betroffen, unter ihnen der chinesischen Flussdelfin oder der China-Alligator. Für einige Arten sollen Schutzzonen geschaffen werden.

Wasserverschmutzung

Durch die Überflutung ganzer Städte gehen auch Fabrikanlagen, Müllhalden und Friedhöfe mit unter. Das Wasser wird durch die Gifte, die hierbei freigesetzt werden, verschmutzt. An vielen Stellen des Jangtse wird das Wasser daher nicht mehr trinkbar sein.

Erdbeben

Der Damm befindet sich in einem erdbebengefährdeten Gebiet. Zwar beteuern offizielle Stellen, die Staumauer würde selbst ein Beben der Stärke 7 aushalten, doch was ist, wenn diese Angaben nicht stimmen oder eine schlimmere Katastrophe eintritt?

Die Region rund um den Staudamm sowie in dessen Abflussgebiet bis Shanghai gehört zu den am dichtesten besiedeltsten Gegenden Chinas. Dort leben rund 400 bis 500 Menschen pro Quadratkilometer. In und um Shanghai sind es sogar noch viel mehr. Zum Vergleich: In Deutschland wohnen auf der gleichen Fläche nur etwa 250. Viele von ihnen wären betroffen, wenn der Damm brechen würde und etwa 400 Milliarden Kubikmeter Wasser ins Tal flössen.

Treibsand

Der Jangtsekiang führt große Mengen Treibsand mit sich. Bisher verschwanden diese irgendwann im Meer und der Fluss reinigte sich auf diese Weise selbst. Nun werden sie durch den Staudamm gebremst und könnten eine Versandung des Beckens zur Folge haben. Im nahe gelegenen Gezhouba-Staudamm nahm dadurch innerhalb von nur sieben Jahren die Kapazität des Sees um ein Drittel ab.

Die Folgen des Drei-Schluchten-Dammes für die Menschen und ihre Umwelt sind heute überhaupt noch nicht ganz zu überblicken. Weniger riskant, umweltfreundlicher und sicher auch billiger wären mehrere kleine Dämme gewesen. Doch die Verantwortlichen achteten nicht auf die Warnungen von Experten.

Kritik verboten

Kritik an der Regierung ist in China grundsätzlich verboten und wird auch verfolgt. So erhielt die bekannte chinesische Umweltschützerin Dai Qing eine Gefängnisstrafe für ihr Buch in dem sie die Folgen des Staudammes anprangert. Das Buch wurde verbrannt.

In China gibt es die Todesstrafe, die u.a. für die Weitergabe von Staatsgeheimnissen verhängt werden kann. Zu einem solchen Verrat gehören aber auch die Veröffentlichung von tatsächlichen Opferzahlen bei Epidemien wie der Vogelgrippe oder bei Naturkatastrophen. Die Wahrheit zu sagen kann im schlimmsten Falle also lebensgefährlich sein.

Will man das Projekt Drei-Schluchten-Damm realistisch einschätzen, steht man vor einem Problem. Denn die Zahlen, die von offiziellen chinesischen Stellen ausgegeben werden, sind immer mit Vorsicht zu genießen. Egal, ob es sich um die Kosten des Staudammes, um seine Sicherheit oder die Zahl der umgesiedelten Personen handelt. Man muss davon ausgehen, dass die Regierung die Angaben meist zu ihren Gunsten beschönigt.

Text: LM 22.05.06, Fotos: Drei Schluchten (1998): PD, Dr. Edwin P. Ewing, Jr; China-Karte: GFDL; Modell des Dammes: GFDL.

Hinweis: Im Archiv wurden alle Bilder und Links entfernt