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Zurück zur Natur: Die Wandervogel-Bewegung

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Zurück zur Natur: Die Wandervogel-Bewegung

Wandern, Abenteuerlust und das Ausleben der individuellen Persönlichkeit gegen den autoritären Einfluss von Eltern und Lehrern. Das hatte sich die Wandervogelbewegung um 1900 auf ihre Fahnen geschrieben. 1901 in Berlin von Karl Fischer gegründet, breitete sich diese Strömung der bürgerlichen Jugendbewegung rasant aus. Noch heute existieren Ortsgruppen in ganz Deutschland.

Ihren Ursprung hatte der Wandervogel in den Motiven der Romantik. Auch diese Bewegung hatte etwa 100 Jahre zuvor auf die Folgen der strengen, vernunftbetonten  Aufklärung reagiert. Zurück zu den Idealen der Natur, sich selbst verwirklichen und politisch bewusst keine Verantwortung übernehmen. Das wollten auch die Wandervögel. Ebenso teilten sie die kritische Einstellung gegenüber dem materiellen Geist und der technischen Entwicklung, die durch die Industrialisierung im 19. Jahrhundert unaufhaltsam voranschritt.

Gegen Disziplin und strenge Sitten

Gerade Stadtkinder und Studenten aus gutem Haus fühlten sich zu diesen Idealen hingezogen. Dazu müsst ihr wissen, dass die junge Generation im deutschen Kaiserreich mit Härte und Disziplin erzogen wurden. Da herrschten in der Schule und im Elternhaus die selben strengen Regeln. Sogar die Eltern wurden meistens mit Sie angesprochen. Und die einzige Verpflichtung, die es für Kinder und Jugendliche gab, war die Treue und der Gehorsam gegenüber Vater, Mutter, Kaiser und Reich. Werte wie individuelle Freiheit waren verpönt.

Eine Bewegung für Jungen und Mädchen


In diesem Sinne umwehte die Wandervogel-Bewegung ein geradezu revolutionärer Geist. Wie alle Strömungen der deutschen Jugendbeweung wollte man dem Druck der Gesellschaft entfliehen. Nicht nur, dass die jungen Leute plötzlich forderten, ihre Freizeit selbst zu gestalten und sich nicht weiter bevormunden zu lassen, es gab auch gemischt Gruppen. Und das in einer Zeit, in der Jungen und Mädchen nicht einmal gemeinsam in der Schule unterrichtet wurden. 

Ideale 1913 festgelegt

Schon kurz nach der Gründung zerfiel der Wandervogel und organisierte sich bundesweit in Ortsgruppen. Das Zusammengehörigkeitsgefühl blieb allerdings erhalten und wurde noch dadurch bestärkt, dass 1913 auf dem Ersten Freideutschen Jugendtag die Ideale der Wandervogel-Bewegung in der so genannten Meißner-Formel schriftlich festgelegt wurden. Damit wollte sich der Wandervogel bewusst von nationalistischen, kaisertreuen Gruppierungen abgrenzen. Noch heute fühlen sich die Wandervögel diesen Werten verpflichtet.

Für Eigenverantwortung und Kreativität

Die Mitglieder legen nach wie vor Wert darauf, dass sie in einer eher technisch und intellektuell geprägten Zeit auch geistige, musische, praktische und soziale Betätigungen ihren Platz haben. Sie übernehmen Verantwortung füreinander und legen Wert auf Eigenständigkeit, Kreativität und Phantasie.  Nach wie vor möchten die Wandervögel eigenständig sein und sich nicht von anderen Interessensgemeinschaften und Erwachsenenverbänden beeinflussen lassen. Sie bezeichnen sich als politisch und konfessionell unabhängig.

Von den Nazis verboten

Im Laufe der Entwicklung konnten die Wandervögel ihrem Ideal nicht imer treu bleiben. Nachdem sie bereits nach dem Ersten Weltkrieg aus der Mode gerieten, weil sich damals straff organisierte, militärisch orientierte Jugendgruppen durchzusetzen begannen und Mädchen immer mehr ins Abseits gerieten, wurden sie im Dritten Reich von der Hitlerjugend und dem Bund Deutscher Mädchen geschluckt. Verbände, die sich dem widersetzten, wurden gezwungen sich aufzulösen. Das konnte die Wandervogel-Bewegung aber nicht zum Erliegen bringen. Nach 1945 wurden der Wandervogel Deutscher Bund wieder gegründet.

Wie in alten Zeiten

Noch heute gibt es in ganz Deutschland Wandervogel-Gruppen. Sie organisieren an den Wochenenden und in den Ferien Fahrten und Lager, halten Treffen, Lehrgänge und Seminare ab. Nach wie vor steht die Freizeitgestaltung im Freien an oberster Stelle. Bei ihren Wanderungen wird das einfache Leben geschätzt. Geschlafen wird in Scheunen oder unter freiem Himmel, das Essen selbst zu bereitet. Neben der Naturerfahrung steht auch der Kontakt zur Bevölkerung und der Besuch von Sehenswürdigkeiten auf dem Programm.

Kein Alkohol, keine Zigaretten

Alkohol und Nikotin lehnen die Wandervögel übrigens ab. Sie sind auf allen Treffen tabu. Das mag jetzt manchen vielleicht übertrieben und altmodisch erscheinen, passt jedoch ins Programm, da man suchtfördernde Mittel aller Art nicht unterstützen möchte. Heute sind bei den Wandervögeln Jungen und Mädchen gleichermaßen organisiert. Das kann sowohl in gemischten als auch in getrennten Verbänden sein. Neben dem Pfadfindern sind die Wandervögel immer noch eine der aktivsten Jugendbewegungen in Deutschland.

Nic 02.11.2006 / Abbildung: Deutsches historisches Museum, lemo.

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