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Hermann von Reichenau ein gelähmter Gelehrter mit großer Kraft

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Hermann von Reichenau ein gelähmter Gelehrter mit großer Kraft

Vor 995 Jahren wurde ein Gelehrter geboren, dessen Lebenswerk erstaunlich ist: Hermann von Reichenau verfasste nicht nur eine Weltchronik des ersten Jahrtausends unserer Zeitrechnung, er machte auch das Astrolabium bekannt, mit dem Seefahrer lange Zeit ihre genaue Position auf dem Ozean bestimmten. Was der Mönch mit dem großen Handicap noch wusste, lest ihr hier.

Bild links: Hermann mit Astrolabium (rechts) auf einer mittelalterlichen Darstellung.

Hermann von Reichenau war ein mittelalterlicher Mönch und Gelehrter. Er verfasste eine Weltchronik über das erste Jahrtausend der christlichen Zeitrechnung. Außerdem beschäftigte er sich mit Musiktheorie und machte das Astrolabium und den Abacus in Mitteleuropa bekannt.

Die Vielfalt seiner wissenschaftlichen Leistungen ist umso erstaunlicher als er von Geburt an spastisch gelähmt war, nicht gehen und nur schwer verständlich sprechen konnte.

Hermann stammte aus einem schwäbischen Adelsgeschlecht. Seinen Beinamen von Reichenau erhielt er, weil er ab seinem 7. Lebensjahr im Kloster auf der Bodenseeinsel Reichenau lebte. Zu seiner Zeit war es noch üblich, Menschen nur mit ihrem Vornamen zu nennen. Feste Familiennamen kamen erst einige Jahrhunderte später in Gebrauch.

Hermann wurde am 18. Juli 1013 geboren und starb am 24. September 1054. Aufgrund seiner Behinderung wurde er auch Hermann der Lahme oder Hermannuns Contractus (lateinisch für der Hermann der Zusammengezogene) genannt.

Was machen Wissenschaftler im Kloster?

 
Foto: St. Georgskirche auf der Insel Reichenau.

Mit sieben Jahren kam er, sicher auf Veranlassung seines einflussreichen Vaters ins Kloster Reichenau, das ein wichtiges Zentrum der Gelehrsamkeit im Frühmittelalter war. Damals wurde vor allem in Klöstern Wissen gesammelt, geforscht und gelehrt, Universitäten gab es noch nicht. Zu Hermanns Zeit war es üblich, dass die meisten Menschen weder Lesen noch Schreiben konnten. Wer dies lernen wollte, musste eine Klosterschule besuchen.

Viele Klöster besaßen umfangreiche Bibliotheken in denen das damals bekannte Wissen gesammelt wurde. Mönche kopierten Bücher aus anderen Klöstern, indem sie diese abschrieben und häufig mit kostbaren Buchmalereien verzierten (Mehr dazu im angehängten Artikel Reichenauer Buchmalerei)

Der Abt, also der Vorsteher des Reichenauer Klosters hieß Bern. Er versorgte Hermann mit Büchern und allem was er sonst für seine Forschungen brauchte, schließlich war dieser an einen Tragstuhl gefesselt und konnte sich nicht selbstständig bewegen.

Von welchen Ereignissen berichtet der Geschichtsschreiber Hermann?

Beginnend mit Christi Geburt beschreibt Hermann in seiner Chronik die Taten der Kaiser und Päpste. Sein Hauptaugenmerk liegt dabei auf den Geschehnissen seiner Heimat, des Ottonenreiches. Die Geschichte des Klosters Reichenau kommt darin ebenso zur Sprache wie wichtige Daten seines eigenen Lebens.

Er fasst im Chronicon einige andere Geschichtswerke zusammen, von denen manche heute nicht mehr erhalten sind und ergänzt sie um die Ereignisse aus seiner Lebenszeit.

Hermanns Weltchronik wird dadurch zu einer der wichtigsten Quellen für das 11. Jahrhundert aber auch für die Zeit zwischen den Jahren 500-700 über die sonst wenig bekannt ist. Ohne seine Schriften wüssten wir heute wesentlich weniger über das Mittelalter, das auch deshalb finster genannt wird, weil über die Geschehnisse dieser Zeit im Vergleich etwa zur Antike recht wenig überliefert ist.

Doch Hermann kannte sich nicht nur mit Politik und Kirchengeschichte gut aus. Er interessierte sich auch für Astronomie und Mathematik. Das Fachwissen aus diesen beiden Bereichen stammte damals fast ausschließlich aus dem arabischen Sprachraum. Hermann sorgte dafür, dass es in Mitteleuropa bekannter wurde. Ob er selbst Arabisch lesen konnte, ist allerdings nicht sicher.

Was ist ein Astrolabium?

Bild rechts: Mittelalterliches Astrolabium.

Besonders wichtig war seine Konstruktionsanleitung eines astronomischen Geräts, des Astrolabiums. Mithilfe dieser Doppelscheibe konnte man feststellen, auf welchem Längen- und Breitengrad man sich gerade befand. Man maß damit nämlich die Winkel zwischen bestimmten Himmelskörpern und dem eigenen Standpunkt. Besonders für die Schifffahrt war das Astrolabium daher ein bedeutendes Hilfsmittel.

Wohlgemerkt: Hermann hatte das Astrolabium nicht selbst erdacht, aber er hatte eine derart gute Gebrauchs- und Bauanleitung verfasst, dass sich dieses bereits 1300 Jahre vorher erfundene Gerät endlich in Europa durchsetzte.

Gut möglich wenn auch nicht bewiesen ist, dass Hermann es war, der die Einteilung der Stunde in Minuten einführte. Für astronomische Zwecke war das nötig.

Wozu dient der Abakus?

Bild links: Abakus.

Eine der ältesten bekannten Rechenmaschinen ist der Abakus. Ein Gestell mit aufgereihten Perlen, mit deren Hilfe man addieren, subtrahieren aber auch multiplizieren und dividieren kann. Hermann beschrieb in einem seiner Bücher, wie die Multiplikation mit diesem Hilfsmittel funktioniert. Wieder erklärte er ein längst bekanntes Gerät so, dass seine Mitmenschen es besser nutzen konnten. Er machte Wissen, das bisher kaum verbreitet war bekannt.

Musik als mathematisches Rätsel

Auch Musik wurde im Mittelalter in erster Linie als eine Wissenschaft der Zahlen betrachtet. Sie stand auf einer Ebene mit Arithmetik, Geometrie und Astronomie und zählte zu den sieben freien Künsten und damit zu den angesehendsten Zweigen der Wissenschaft. Zu Hermanns Zeit versuchten sich zahlreiche Gelehrte daran, eigene Tonsysteme zu entwickeln. Auch der Reichenauer entwickelte eine Notentheorie und komponierte etliche Musikstücke.

Links

Mehr über den Gelehrten, der trotz seiner Beeinträchtigung für die Übermittlung von Wissen in unterschiedlichsten Bereichen große Bedeutung hatte, lest ihr hier.



Die Original-Handschriften des Klosters Reichenau, darunter auch Hermanns Bücher befinden sich heute in der Landesbibliothek Karlsruhe. Dort erfahrt ihr noch mehr Wissenswerte über die Reichenauer Mönche und ihre Werke.


Wen das Mittelalter interessiert, der sollte auch unseren WAS IST WAS Band 118 Mittelalter lesen.

Text: Liane Manseicher, 16.07.08; Fotos: Abakus: Flominator: cc-by-sa; St. Georg: Peter Berger, GFDL; 

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