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Der ewige Kampf um das Leben

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Der ewige Kampf um das Leben

Wer ein richtig guter Schauspieler ist, der bekommt vielleicht einmal einen Oscar. Und tolle Musiker werden mit dem Grammy ausgezeichnet. Aber wie werden eigentlich Menschen geehrt, die sich für Gerechtigkeit, Frieden und die Rechte ihrer Nächsten einsetzten? Eine Möglichkeit ist die Verleihung des Internationalen Nürnberger Menschenrechtspreises, der in diesem Jahr erneut verliehen wurde. Unser Reporter Julian Jostmeier war vor Ort in Nürnberg und hat sich angesehen, was es mit dem Preis auf sich hat.


Der große Platz vor der Nürnberger Oper ist menschenleer. Es ist Sonntagmorgen, etwa neun Uhr. Die Eingangstüren des großen Gebäudes sind weit geöffnet und innen sieht man viele gut gekleidete Menschen hektisch hin und herlaufen. Rund um den Platz und an jeder Straßenecke stehen Polizisten. Aber warum dieser Aufwand? Nun, in etwa zwei Stunden soll der Menschenrechtspreis 2005 verliehen werden. Hierzu werden viele Politiker, Menschenrechtler und Prominente erwartet und die sollen geschützt werden.

Kurz vor elf Uhr habe ich meinen Platz in den vielen Rängen der Oper gefunden und beobachte das Geschehen um mich herum. Überall leuchten grelle Scheinwerfer, die letzten Musiker stimmen auf der Bühne ihre Instrumente und Mitarbeiter vom Fernsehen kontrollieren ein letztes Mal ihre Kameras. Der Saal füllt sich langsam und um mich herum beginnt reges Getuschel und Gemurmel. Dann öffnet sich eine große Flügeltür und etwa 20 Personen kommen herein und beginnen unter Blitzlichtgewitter ihre Plätze zu suchen.

Lauter bekannte Gesichter

Als erster Redner betritt dann der Nürnberger Oberbürgermeister Ulrich Maly die Bühne. Er begrüßt die Gäste und da begreife ich, warum ich zuvor so vielen Polizeibeamten begegnet bin: Wenige Reihen vor mir sitzen der deutsche Innenminister Otto Schily, sein bayerischer Kollege Günther Beckstein, der Friedensnobelpreis-Träger Adolfo Pérez Esquivel und Hina Jilani, Kofi Annans Sonderbeauftragte für Menschenrechtsverteidiger. Neben ihnen sitzen zudem ein Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen und ein Vertreter der UNESCO, das ist die Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft, und Kultur.

Besonders herzlich begrüßt der Bürgermeister jedoch zwei ältere Damen: Tamara Chikunova aus Usbekistan und Nora Irma Morales de Cortiñas aus Argentinien. Und obwohl sie eine Reise um den halben Globus trennt, teilen sie ein gemeinsames Schicksal, denn ihre Söhne sind beide von der Regierung ihres Landes verhaftet, gefoltert und schließlich getötet worden. Ein Albtraum, den sich zu diesem Zeitpunkt der Preisverleihung noch niemand so recht vorstellen kann.

Ein Leben für die Gerechtigkeit

Nora Irma Morales de Cortiñas mit dem wasistwas.de-Reporter Julian Jostmeier

Frau Morales de Cortiñas ist schon achtzig Jahre alt und kämpft seit dem Verschwinden ihres Sohnes 1977 für die Aufklärung solcher Verbrechen. Auch Tamara Chikunova hat ihren Sohn verloren. Er wurde 1999 in einem usbekischen Gefängnis hingerichtet. Und das schreckliche daran ist: das Regime in ihrem und anderen Länder auf der ganzen Welt vollstrecken noch heute die Todesstrafe. Um mich herum sehe ich betrübte Gesichter und auch ich fühle mich nicht wohl bei dem Gedanken, dass es so etwas heute noch gibt.

Auf der Bühne bemüht sich Ulrich Maly deutlich zu machen, warum sich ausgerechnet Nürnberg für die Menschenrechte stark macht. Vor 70 Jahren wurden in der fränkischen Stadt die Rassegesetze der Nazis erlassen. Sie brachten damals vielen den Tod. Der Bürgermeister findet klare Worte für die Schreckensherrschaft des dritten Reiches: "Diese 10 Jahre reichten aus, um die Welt in Schutt und Asche zu legen. 55 Millionen Tote, 6 Millionen ermordete Juden markierten diesen Tiefpunkt menschlicher Zivilisation." Ich blicke mich um und sehe einige ältere Menschen heftig mit dem Kopf nicken. Sie haben miterlebt, was geschehen kann, wenn ein solches Recht nichts mehr wert ist.

Haben uns die Kriege klüger gemacht?

Der deutsche Innenminister Otto Schily (rechts) mit seinem bayerischen Kollegen Günther Beckstein.

Aber worum geht es bei den Menschenrechten genau? Sie sollen jedem Einzelnen ein friedliches Leben ohne Angst vor Gewalt, Hunger oder Ungerechtigkeit garantieren. Leider sind diese Bemühungen nicht überall auf der Welt von Erfolg gekrönt. Dies unterstreicht nun auch Otto Schily, der kurz zuvor den Oberbürgermeister am Rednerpult abgelöst hat. In seinem Amt als Bundesinnenminister ist sein Ministerium dafür zuständig, die Sicherheit in Deutschland zu gewährleisten und die Verfassung zu schützen. Das klingt wenig nach Menschenrechten, aber eben diese Rechte sind in unserem Grundgesetz fest verankert. Schilys Anwesenheit und auch der Besuch des bayerischen Innenministers Günther Beckstein unterstreichen den festen Willen Deutschlands, sich für die Durchsetzung dieser Grundrechte zu engagieren.

Die Fahne der Vereinten Nationen

Nach den deutschen Politikern spricht Hina Jilani, eine Sonderbeauftragte der Vereinten Nationen, zu den Gästen. Jilani ist eine pakistanische Rechtsanwältin, die mittlerweile für den UN Generalsekretär Kofi Annan in New York arbeitet. Sie gibt einen Überblick über die weltweite Durchsetzung der Menschenrechte und muss gestehen, dass es noch viel zu viele Orte auf dieser Welt gibt, an denen das Leben eines Menschen mit Füßen getreten wird. Die United Nations, kurz die UN, sind eine Versammlung von 191 Staaten der Erde. Die Hauptaufgaben des Rates sind die Sicherung des Weltfriedens, die Einhaltung des Völkerrechts und eben der Schutz der Menschenrechte.

Zwei starke Frauen

Die Preisträgerin Tamara Chikunova (links) mit ihrem Vorbild aus Argentinien.

Jetzt soll Nora Irma Morales de Cortiñas die Rede für die Preisträgerin halten. Die alte Dame macht sich von ihrem Platz auf den Weg zur Bühne, besteigt ein kleines Podest und tritt vor das Mikrofon. Frau Morales de Corti±as ist vollständig in weiß gekleidet, trägt ein Kopftuch und das Bild ihres toten Sohnes um den Hals. Und dennoch: Sie steht vor den Gästen in Nürnberg und strahlt über das ganze Gesicht. Da sie Spanisch spricht, muss ich mir nun einen Kopfhörer aufsetzen, über den ich den Dolmetscher hören kann.
Frau Morales de Cortiñas findet herzliche Worte für ihre usbekische Leidensgenossin Tamara Chikunova. "Wenn wir es schaffen Gerechtigkeit zu erlangen, damit solche niederträchtigen Verbrechen nie wieder begangen werden [...] erfüllen wir unsere Pflicht für unsere Töchter und Söhne zu fordern und zu lieben." Dann beendet sie ihre Rede, steigt die Treppe hinunter und umarmt ihre Kollegin aus Usbekistan.

Auf der Bühne machen sich der Oberbürgermeister und der israelische Künstler Dani Karavan bereit den Menschenrechtspreis zu verleihen. Nach einer kurzen Ansprache der beiden tritt nun auch Tamara Chikunova vor das Publikum und nimmt den Preis entgegen. Ihre Dankesrede fällt ebenso gefühlvoll aus wie die der Argentinierin. Obwohl ihr in ihrem Heimatland Gefängnis und Folter drohen möchte sie weiter für die Freiheit ihrer Landsleute kämpfen und die ganze Welt über die Gräueltaten ihres Präsidenten Islom Karimov informieren. Ein Versprechen, dass alle Anwesenden rührt und ihr mit stehendem Applaus gedankt wird.

Nürnberg will informieren

Mit der Preisverleihung endet der Festakt, doch die Stadt Nürnberg möchte darüber hinaus auf die weltweite Verletzung der Menschenrechte aufmerksam machen. Bis zum 5. Oktober wird es daher ein Filmfestival geben, bei dem dieses Thema im Mittelpunkt steht. Im Filmhaus Nürnberg, im Dokumentationszentrum am Reichsparteitagsgelände und in dem großen Multiplexkino "CineCittà " werden dann Veranstaltungen des "Filmfestivals der Menschenrechte" stattfinden.

JuJo - 27.09.2005 / Fotos: Julian Jostmeier für wasistwas.de

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