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Das Imperium der Welser

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Das Imperium der Welser

Am 1. Juli 1614 war die Handelsgesellschaft der Welser bankrott. In dauernder Konkurrenz zu den Fuggern stehend, hatten die Großkaufleute die Wirtschaft Mitteleuropas entscheidend mitgeprägt. Ihre Faktoreien in Antwerpen, Lissabon, Lyon, Madrid, Nürnberg, Rom, Santo Domingo, Sevilla und Venedig sind mit unserer globalisierten Wirtschaft von heute durchaus vergleichbar. Durch ihre Handelsgeschäfte kamen diese Kaufleute zu Reichtum und finanzierten Herrscher verschiedener europäischer Staaten.

Die Geschichte der Welser ist bis ins Jahr 1246 zurück nachweisbar. In der ehemals freien Reichsstadt Augsburg weisen noch Urkunden und Dokumente auf die Familie hin. Dort ist erstmals bereits 1420 eine Welsersche Handelsgesellschaft belegt. Über deren Aktivitäten ist jedoch nur wenig bekannt. Erst seit Anton Welser den Älteren lässt sich die Geschichte dieser Kaufleute lückenlos nachvollziehen.

Reich durch Baumwolle und  Bergbau

Durch die Hochzeit mit Katharina Vöhlin verband sich Anton I. Welser der Ältere (1451 - 1518) mit dem Memminger Handelshaus Vöhlin, das im Tiroler Silberhandel aktiv war. 1498 gründete er die Welser-Vöhlin-Gesellschaft. Das erstes Geld wurde im Textilhandel verdient. Vor allem Baumwolle und Barchent wurden ins Land gebracht. Barchent ist ein Mischgewebe aus Baumwolle auf Leinenkette, das heute nur noch selten verwendet wird.
Ein weiteres Rückgrat des kommerziellen Erfolgs der Welser bildeten die Handels- und Bergbauunternehmen. Anton Welser der Ältere stieg auch in das Reedereigeschäft ein und betrieb den Waren- und Seehandel mit einer eigenen Flotte. Sein jüngerer Bruder Jakob I. hatte schon 1493 die Nürnberger Faktorei der Welser übernommen und wurde Begründer der Nürnberger Linie der Welser.

Globalisierte Pfeffersäcke

1497/98 hatte der Portugiese Vasco da Gama den Seeweg nach Indien entdeckt. Anton Welser sah, dass im Gewürzhandel enorme Gewinne winkten und entsandte 1503 den Kaufmann Balthasar Sprenger nach Portugal, um neue Geschäftsmöglichkeiten zu erkunden. Zwei Jahre später war es so weit: Die Welser finanzierten mit 20.000 Cruzados, den mit Abstand größten Anteil einer portugiesischen Indien-Expedition. Neben ihnen waren an der Fahrt auch noch die Fugger, Höchstetter, Gossenbrot, Imhoff, Hirschvogel und der Florentiner Bartholomé Marchione beteiligt. Die 22 Schiffe starke Flotte des portugiesischen Vizekönigs Francisco de Almeida segelte von Lissabon aus um den afrikanischen Kontinent und das Kap der guten Hoffnung an die afrikanische Ostküste und weiter an die indische Südostküste nach Kochi und Calicut (heutiger Name: Kozhikode), um die fernen Gewürzmärkte zu erschließen. Die abenteuerliche Reise hielt Balthasar Sprenger in seinem Buch Meerfahrt aus dem Jahr 1509 fest.
Nach dieser Reise begann Nürnbergs Aufstieg als Stadt des Gewürzhandels. Die Welser zählten, neben den Imhoff und den Tucher, zu den bedeutendsten Safranhändlern.

Handel mit der Neuen Welt

Die Welser-Vöhlin-Gesellschaft wurde 1517 aufgrund von Streitigkeit aufgelöst und in die Augsburger Welser-Gesellschaft überführt. Zudem gründete Jakob I. mit seinen Söhnen die Nürnberger Welsersche Handelsgesellschaft. Die Tätigkeiten beider Welserschen Handelsgesellschaften blieben aber weiterhin eng verflochten. Nach Anton I. Welsers Tod ein Jahr später führte Bartholomäus V. Welser (1484 1561) den Augsburger Zweig weiter. Mit ihm griff die Gesellschaft nach der Neuen Welt aus. Die erste Niederlassung dort entstand auf Santo Domingo in der Karibik. Welser beteiligte sich an der Gewinnung von Rohrzucker und am Sklavenhandel. 1528 erwarb er das Recht zur Kolonialisierung des heutigen Venezuela. Bartholomäus Bruder Anton Welser der Jüngere betrieb für die Gesellschaft den Handel mit Spanisch-Amerika. Auch auf Hispaniola und auf Madeira unterhielten die Welser Zuckerplantagen.

Eine deutsche Kolonie

1519 hatte der spanische König Karl I. (später Kaiser Karl V.) für die Kaiserwahl im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation hohe Kredite bei den Welsern und Fuggern aufgenommen. Er soll den Welsern bis zu 158.000 Gulden schuldig geblieben sein. Die Jahre vergingen, ohne dass der Kaiser auch nur einen kleinen Teil des Darlehens getilgt hatte. Daraufhin boten die Welser Karl V. an, ihnen einen Teil der Neuen Welt zu überlassen. Karl V. überließ ihnen die Provinz Venezuela als Lehen.
Die Welser mussten zwei Städte gründen und drei Festungen bauen, sowie diese auch besiedeln. 1529 kam Ambrosius Ehinger, der erste Gouverneur von Klein-Venedig, mit 281 Kolonisten nach Neu-Augsburg (Coro), der damaligen Provinzhauptstadt Venezuelas. Noch im gleichen Jahr wurde Neu-Nürnberg (Maracaibo) gegründet. Ein Zehntel der Gold-, Silber- oder Edelsteinfunde erhielt der spanische König. Später erhöhte sich diese Abgabe auf ein Fünftel. Dafür durften die Welser Gouverneure und Beamte einsetzen und waren von der Salzsteuer und von sämtlichen Zöllen und Hafengebühren im spanischen Monopolhafen Sevilla befreit. Sie durften Indianer versklaven und etwa 4000 afrikanische Sklaven einführen.
Im Auftrag der Welser erkundeten deutsche Konquistadoren wie Philipp von Hutten die Urwälder und Savannen auf der letztlich erfolglosen Jagd nach Gold und anderen Schätzen.
Mit dem Rücktritt Karls V. im Jahr 1556 gingen die Handelsrechte verloren. Die Kolonialgründung der Welser in Venezuela war der gewichtigste Anteil der Deutschen an der kolonialen Erschließung Amerikas im 16. Jahrhundert.

Niedergang durch Staatsbankrotte

Das Scheitern in Südamerika leitete in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts den Niedergang der Gesellschaft ein. Allerdings war es weniger der Verlust der Kolonie als ihre enge Bindung an das Haus Habsburg, die zu gewaltigen, nicht mehr eintreibbaren Außenständen bei der spanischen Krone führte. Auch Frankreich und die Niederlande hatten sich bei den Patriziern Geld geliehen, das sie nicht mehr zurückzahlen konnten. Dadurch wurden die Augsburger Welser 1614 in die Zahlungsunfähigkeit getrieben.

Die Nürnberger Handelsgesellschaft war schon 1610 aufgelöst worden. Die Nürnberger Welser waren aber noch bis zum Ende der reichsstädtischen Zeit im Jahre 1806 im Inneren Rat der Stadt vertreten. 1819 wurden die Welser in den bayerischen Freiherrenstand erhoben. 1878 starb der Nürnberger Zweig der Familie aus, und ihr Besitz fiel an die Ulmer Linie, da die Augsburger Hauptlinie schon 1797 erloschen war.
Der Ulmer Zweig kümmert sich bis heute um die von Jakob I. Welser am 1. April 1539 gegründete allgemeine Welsersche Familienstiftung.

Text: RR, 29. 6. 2009, Grafik: Johann Siebmacher (Wappen der Welser), Foto: Keichwa (Welserhof in Nürnberg) GDFL,

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