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Babylon. Mythos und Wahrheit

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Babylon. Mythos und Wahrheit

Babylon weckt Assoziationen, wie sie keine andere Stadt in unseren Köpfen hervorruft. Mit einer großen Ausstellung im Pergamonmuseum zeigen die Staatlichen Museen zu Berlin bis zum 5. Oktober 2008 den Mythos Babel und die Wahrheit um das antike Babylon - eine Ausstellung, die sich somit über zwei Welten erstreckt.

Seit über 150 Jahren befassen sich Archäologen mit Hilfe von Ausgrabungen und der Entzifferung von Keilschrifttafeln mit den Überresten der untergegangenen Kultur Babylons. Großen Anteil an diesen Forschungen haben die deutschen Ausgrabungen unter der Leitung Robert Koldeweys. Sie begannen 1899 und endeten in der Zeit des Ersten Weltkriegs. Tagebücher, Fundprotokolle und Fotos dokumentieren die Arbeit der Archäologen. Aquarelle und Tagebucheintragungen der Ausgräber geben darüber hinaus interessante Einblicke in den Alltag der Forscher. So entsteht eine faszinierende kulturgeschichtliche Rückschau bis in das 3. Jahrtausend v. Chr., eine Rückschau auf das Leben in einer Region, die für unsere eigene europäische Entwicklung von immenser Bedeutung war.

TEIL 1: DIE WAHRHEIT

Das erste Kapitel der Ausstellung (=Wahrheit) legt die Wurzeln unserer abendländischen Kultur durch den Blick auf die archäologischen Relikte frei und zeigt, was hinter den Legenden steckt. Im Zentrum dieses Kapitels steht das Ischtar-Tor und die Prozessionsstraße von Babylon.
Über 800 Objekte, darunter Statuen, Reliefs, Weihgaben, Architekturteile und Schriftzeugnisse, werden gezeigt.
Das Kapitel ist aus acht Themen aufgebaut: Königtum, Religion, Recht, Wissenschaft, Baukunst, Alltag, Arbeit, Nachleben. Aus Platzgründen können wir nur drei davon näher betrachten:

Königtum

Die Geschichte kennt Nebukadnezar II. (605-562 v. Chr.) als ruhmreichen Heerführer und erfolgreichen Staatsmann, der das Land zu großem Wohlstand und innerem Frieden führte. In diesem Ausstellungsteil finden sich sowohl Skulpturportraits altorientalischer Könige, als auch die Insignien königlicher Macht. Waffenfunde und eine umfangreiche Keilschriftkorrespondenz zeigen die Funktion des altorientalischen Herrschers als Verwalter des Staates, als oberster Feldherr und erster Diplomat.

Recht

Berühmt ist der altbabylonische Herrscher Hammurapi (1810-1750 v. Chr.) als König der Gerechtigkeit durch eine der ältesten vollständig erhaltene Rechtssammlungen seines Großreiches an Euphrat und Tigris.
Der Codex Hammurapi wurde 1902 bei Ausgrabungen in Susa gefunden. Die Ausstellung zeigt eine Kopie dieser Stele das einzigartige Original befindet sich im Louvre in Paris.
Recht und Ordnung als göttlicher Auftrag und soziale Fürsorge gehörten zum Staatsprogramm und wurden schriftlich niedergelegt. Die Ausstellung zeigt in eindrucksvoller Zahl Exponate der Korrespondenz zu Gerichtsurteilen und Verträgen.

Wissenschaft

Kein Sternzeichen, keine Uhr, kein Kalender ist denkbar ohne die einzigartige Blüte, welche die Wissenschaft in Babylonien erreichte.
Grundlage für die Blüte bildet die Erfindung der Schrift. Erst dadurch war es möglich, Erkenntnisse über Generationen weiterzugeben. Und auch in sprachwissenschaftlicher Theorie blickt Babylon auf eine Tradition mehrerer Jahrtausende zurück. Ganzheitliche Weltsicht, Errungenschaften der Medizin bis hin zur Astrologie, all dies wäre ohne die babylonischen Chaldäer nicht möglich gewesen.

TEIL 2: DER MYTHOS

Das zweite Kapitel der Ausstellung (=Mythos) betrachtet Babylon als Metapher für die dunklen Seiten der Zivilisation Unfreiheit und Unterdrückung, Terror und Gewalt, Hybris und Wahn. In der europäischen Kunst und Kultur ist der Mythos Babel verknüpft mit den Urängsten der Menschheit. Hier erleben die Besucher die mythische Geschichte vom Aufstieg und Fall Babylons als Stadt der Sünde und der Tyrannei, als Schauplatz der Sprachverwirrung und als Metropole der ewigen Apokalypse. Hier begeben sich die Besucher auf eine Expedition zu den geheimnisvollen Quellen dieser Vorstellungen, deren Entstehung und Tradierung über die  Jahrhunderte bis heute. Erzählt wird nicht die historische Wahrheit über Babylon, sondern die Wahrheit über eine Zivilisation, die den Mythos Babel braucht, um sich selbst zu verstehen.
Auch dieses Kapitel ist unterteilt. Die Themen sind hier: Das "Babylon System (jüdische Gefangenschaft und Ursprung aller Babylon-Mythen), Nebukadnezar, "Stadt der Sünde", Semiramis (die Gründerin der Stadt), "der Turm", "die Apokalypse" und "die Sprachverwirrung". Auch hier greifen wir nur drei Themen heraus:

Nebukadnezar

Im Mittelalter und in der Renaissance wurde Nebukadnezar zur populärsten Negativfigur der Herrschaftskritik. Sein historisch nicht verbürgter Befehl, die drei Freunde Daniels in den Feuerofen zu werfen (Daniel 3,1-30), nimmt in schrecklicher Weise den Holocaust voraus. Als vorgeblich legitimer Nachfolger stellte sich Saddam Hussein in die fiktive Erbfolge Nebukadnezars. Beide verband über die Jahrtausende hinweg das brennende Verlangen nach triumphaler Herrschaft über ein Weltreich. Gleichermaßen mündeten die Visionen von der allmächtigen Regentschaft eines Welt umfassenden Imperiums bei beiden Herrschern in der absoluten Niederlage.

Der Turm

Der in der antiken Stadt Babylon stehende Tempelturm des Stadtgottes Marduk besaß die Form einer stufenförmigen Zikkurrat auf rechteckigem Grundriss.
In der europäischen Kunstgeschichte jedoch erscheint der Turm stets in der Gestalt der jeweils zeitgenössischen Architekturepoche: In mittelalterlichen Handschriften, die zumeist den Turmbau zu Babel unter Schilderung aller handwerklichen Details in den Mittelpunkt stellen, tritt er auf als Wehrturm, abgelöst von Bauwerken, die an gotischen Kirchtürmen orientiert sind. Mit der Wiederentdeckung und neuen Wertschätzung der antiken Bauformen des Kolloseums in der Renaissance nimmt auch der Babylonische Turm seine runde Form an.

Die Sprachverwirrung

Im multikulturellen Babylon lebten Menschen verschiedenster Nationen friedlich zusammen. In den Straßen der Stadt waren die unterschiedlichsten Sprachen aller Völker der Erde zu vernehmen.
Dem gegenüber steht die biblische Überlieferung der Genesis, in der Gott die Anmaßung der Menschheit, verkörpert durch das größenwahnsinnige Turmbauprojekt, durch die Sprachverwirrung strafte. Die babylonische Sprachverwirrung steht somit für den Sündenfall einer urbanen Zivilisation, die den Bezug zur göttlichen Sprache der Natur verloren hat. An die Stelle der Sprache Gottes treten in unkontrollierbarer Vielfalt die Sprachen der Menschen.

Bedeutendste Sammlung zum Thema

Mit dieser Ausstellung der Staatlichen Museen zu Berlin, des Musée du Louvre und der Réunion des musées nationaux, Paris und des British Museum, London werden erstmals die babylonischen Schätze aus den Universalmuseen der Welt in einer Ausstellung gemeinsam präsentiert. So gelingt es, die dreitausendjährige Geschichte Babyloniens auf einzigartige und umfassende Weise zu veranschaulichen:
Der »Mythos Babylon« erzählt keine Geschichten aus längst vergangenen Zeiten. Bis in unsere Gegenwart lebt dieser Mythos in unverminderter Aktualität fort und prägt als beständig greifbare Metapher unser alltägliches Denken. Babylon wird mit dieser Ausstellung zu einem Schlüssel des Verständnisses für unsere Herkunft, für unsere Gegenwart und unsere Bestimmung. Die Botschaft lautet: Wir sind Babylon.


Hier findest du weitere Informationen zur Ausstellung.

Text: RR, Stand 21. 7. 2008
Fotos: Maximilian Meisse und Olaf M. Teßmer/Pergamonmuseum Berlin

Hinweis: Im Archiv wurden alle Bilder und Links entfernt