Sexualität war lange Zeit ein Tabu-Thema in der deutschen Gesellschaft. Vor 110 Jahren jedoch wollte Preußen Sexualkunde als Unterrichtsfach einführen. Bis es jedoch tatsächlich ein solches Schulfach geben sollte, verging noch einige Zeit.
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Gemischte Klassen waren früher sehr selten.
Prüde Gesellschaft
Bis in die 1970er Jahre hinein war die Sexualität ein Thema, das aus dem öffentlichen Leben weitgehend heraus gehalten wurde. Vor allem die Kinder sollten damit so spät wie möglich konfrontiert werden. Das führte dazu, dass sie kaum aufgeklärt wurden, und sich wunderten, warum die Mädchen Röcke und die Jungen Hosen tragen mussten. Gemischte Klassen waren undenkbar.
Allerdings gab es schon Ende des 19. Jahrhunderts wissenschaftliche Arbeiten zum Thema Sexualität. Psychologe Sigmund Freud stellte sogar die Vermutung auf, dass Kinder bereits eine Sexualität besäßen. Außerdem wuchs zu dieser Zeit wegen der Industrialisierung die Bevölkerung in den Städten, wo es nun auch Prostitution und Geschlechtskrankheiten gab.
Sigmund Freud gestand sogar Kindern eine Sexualität zu.
Preußens Vorstoß
Die preußische Regierung wollte etwas gegen die schlechten hygienischen Zustände unternehmen. Deshalb soll am 2. September 1900 ein Erlass ausgearbeitet worden sein, der die Planung einer Art Aufklärungsunterricht an Schulen beschloss. Dies war der erste Vorstoß in diese Richtung auf deutschem Boden.
Tatsächlich sollte es in dem Unterricht jedoch nicht und die Sexualität an sich gehen, sondern eher um Sexualhygiene und wie man sich vor Geschlechtskrankheiten schützt. Der eigentlichen bewussten Aufklärung wurde eher ausgewichen. Nach dem preußischen Erlass wurden einige Vorlesungen zu diesen Themen ausgearbeitet.
Eine alte englische Postkarte, die die Gefahren der ungewollten Schwangerschaft darstellt.
Ein langer Weg
Bis zum richtigen Sexualkundeunterricht sollte es aber noch Jahrzehnte dauern. In der Zeit des Nationalsozialismus war Zucht und Ordnung in der Schule sehr wichtig und es blieb wieder wenig Zeit für Aufklärung. Man beschränke sich auch hier auf Hygiene.
Selbst nach dem Kriegsende und mit der Gründung der Bundesrepublik war zunächst keine Verbesserung in Sicht. Immer noch waren die meisten Schulen nach Geschlechtern getrennt und die Prüderie mit der Sexualität schien auf absehbare Zeit nicht überwindbar. Es gab nur eine informative Aufklärung.
Der Sexualkunde-Atlas
1968 gab es schließlich eine Empfehlung, den Sexualkundeunterricht in die Fächer einzubauen. Am 1. Juli 1969 lag der Sexualkunde-Atlas dann in den deutschen Schulbuchgeschäften. Er sollte als Lehrbuch für das neue Unterrichtsfach dienen. Doch vor allem von katholischer Seite gab es immer wieder Kritik an der Aufklärung und einige Eltern versuchten, ihre Kinder davon zu befreien.
Die Rote Schleife symbolisiert Solidarität mit AIDS-Patienten.
In den 1980er Jahren kam das Thema AIDS als wichtiger Aspekt in den Unterricht. Heut wird Sexualkunde meist als Themenbereich innerhalb des Fachs Biologie behandelt. So wird sowohl der biologische Aspekt, als auch das Thema Alltagssexualität, das vor allem durch die Medien bestimmt wird, durchgenommen.
11.08.2010 // Text: Jan Wrede; Bilder: Klasse: August Högn (cc-by-sa 3.0), Freud: Max Halberstadt, LIFE (pd), Postkarte: (pd), Schleife: Christian Heldt (pd)