Ob im Schulbus oder bei der Party – je lärmiger die Umgebung, desto lauter reden wir, damit wir von unserem Gesprächspartner verstanden werden. Singvogelmännchen in unseren Städten geht es ähnlich. Auch sie müssen ihre Stimme erheben, um Straßenlärm und andere Hintergrundgeräusche zu übertönen. Das fanden Vogelkundler (Ornithologen) aus Deutschland und den Niederlanden heraus.
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Einfach lauter singen?
Links: Nachtigall
Der deutsche Verhaltensforscher Henrik Brumm untersuchte männliche Nachtigallen in der Stadt und fand heraus, dass diese bis zu fünf Mal so laut singen wie ihre Artgenossen auf dem Land.
Kein Wunder, müssen sie doch stark befahrene Straßen, Eisenbahnlärm, Baustellengetöse und Lautsprecherdurchsagen übertönen. Sie erreichen bis zu 95 Dezibel und sind damit vergleichbar mit einem Presslufthammer.
Doch irgendwann kann auch die Nachtigall ihren Schallpegel nicht mehr weiter erhöhen. Der lautere Gesang ist vielleicht auch wesentlich anstrengender als das Produzieren von leisen Tönen. Inwiefern die Tiere dadurch unter Stress geraten, wird momentan untersucht.
Schneller, höher, lauter – sind Singvögel Soundmaschinen?
Rechts: Rotkehlchen.
Kohlmeisen singen nicht nur lauter sondern auch in höheren Tonlagen um sich gegen den meist dumpfen Straßenlärm abzusetzen. Außerdem sind ihre Lieder schneller und schriller als in ruhigerer Umgebung, das fand der Niederländer Hans Slabbekoorn heraus.
Er radelte durch zehn europäische Großstädte und deren Umland und nahm den Gesang der Meisen auf. Überall bemerkte er das gleiche Verhaltensmuster: je lauter die Umgebung, umso lauter, höher und schriller der Meisengesang.
Eine andere Lösung hat das Rotkehlchen parat – statt wie gewohnt am Tage singt es einfach in der Nacht, wo es auch in der Großstadt am stillsten ist.
Die Stillen fliegen raus
Links: Hausssperling (Spatz).
Doch nicht alle Arten haben die Möglichkeit sich so gut an ihre Umgebung anzupassen. Viele können nicht höher singen, so etwa Goldamsel, Hausspatz oder Kuckuck. Ihre Stimmen sind dazu nicht in der Lage. In städtischen Gebieten haben sie es daher immer schwerer.
Schließlich ist das Singen nicht ihr Hobby sondern notwendig fürs Überleben. Die Männchen locken damit Weibchen an und schrecken gleichzeitig Konkurrenten ab. Doch was ist, wenn diese sie nicht mehr hören können, da der Umgebungslärm zu laut ist? Das Männchen wird öfter in Kämpfe verstrickt und kann sich seltener fortpflanzen – beides keine guten Voraussetzungen für das Überleben der Art.
Tatsächlich gingen die Spatzen-Bestände in Deutschland innerhalb der letzten 20 Jahre je nach Region um bis zu 60 Prozent zurück. Sicher ist das nicht allein auf das Lärmproblem zurückzuführen. Auch Faktoren wie Luftverschmutzung, schlechteres Nahrungsangebot und weniger Brutplätze spielen eine Rolle.
Doch auch der Lärm wird dafür sorgen, dass viele Vogelarten über kurz oder lang ganz aus den Städten verschwinden. Das heißt zwar nicht, dass das Gezwitscher dann aufhört, aber es wird eintöniger werden. Weniger Stimmen, weniger Arten werden sich in Zukunft in unseren Städten tummeln.
Neue Arten durch neue Gesänge
Rechts: Amsel.
Manche Biologen fragen sich sogar schon, ob durch die veränderten Gesangsbedingungen in der Stadt sogar neue Arten entstehen. Fakt ist, dass sich das Erbgut der Stadtamseln bereits von dem der Landamseln unterscheidet. Slabbekoorn und sein Kollege spielten den City-Vögeln die Balzrufe anderer Stadtamseln und die ihrer Wald- und Wiesenkollegen vor.
Der Effekt war eindeutig: die Stimmen aus der eigenen Umgebung wurden deutlich bevorzugt. Bei den Landbewohnern ergab sich das gleiche Bild. Es ist wohl nur noch eine Frage von einigen Jahrhunderten, wenn nicht gar Jahrzehnten und die Stadtamseln werden sich überhaupt nicht mehr mit den Landamseln paaren können.
Klingeltöne aus Vogelkehlen
Übrigens: Star, Dohle und Eichelhäher haben sich eine modische Balz-Taktik zugelegt: Bei ihnen zählt der ungewöhnlichste Gesang. So imitieren sie nicht nur quietschende Bremsen und menschliches Pfeifen, sondern sogar Klingeltöne von Mobiltelefonen. Wer sich also bei seinem nächsten Waldspaziergang endlich mal weit weg von jeder Zivilisation glaubt, kann ins Staunen geraten, wenn „Nokia Tune“ aus dem Starenschnabel ertönt.