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Wie leben Roma-Kinder in Deutschland?

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Wie leben Roma-Kinder in Deutschland?

Auf einer gemeinsamen Konferenz von Unicef und der Kinderkommission des Deutschen Bundestages am 5. März 2007 werden zwei Studien vorgestellt, die über die Lage von Roma-Kindern in Europa berichten. Wie Kinder dieser größten europäischen Minderheit in Deutschland und unseren Nachbarländern leben, erfahrt ihr hier.

Was sind Sinti und Roma?

Bild: Roma-Flagge

Mit den Begriffen Roma und Sinti werden Bevölkerungsgruppen bezeichnet, die man früher Zigeuner nannte. Da dieses Wort in der Regel als Schimpfwort oder zur Ausgrenzung dieser Menschen benutzt wurde, ist es heute nicht mehr gebräuchlich. Die Angehörigen dieser ursprünglich aus Indien kommenden Volksgruppe bezeichnen sich selbst auf der ganzen Welt als Roma.

Weltweit gibt es etwa 12 Millionen Roma, 8 Millionen davon leben in Europa. Wie viele von ihnen in Deutschland leben, ist nicht ganz sicher. Schätzungen gehen von etwa 100.000 aus. Etwa die Hälfte von ihnen kamen als Flüchtlinge während der Kriege in Bosnien und dem Kosovo zwischen 1991 und 1999 hierher.

Die Sinti sind eine Untergruppe der Roma, die sich schon seit dem Mittelalter in Westeuropa aufhält. In Deutschland wurden die sogenannten Zigeuner erstmals vor 600 Jahren, nämlich 1407 in Hildesheim schriftlich erwähnt. Hierzulande wird häufig unterschieden zwischen den schon seit Jahrhunderten hier ansässigen Sinti und den erst im 19. Jahrhundert aus Südosteuropa eingewanderten Roma.

Während Sinti und Roma früher oft als fahrendes Volk bezeichnet wurden, da sie ohne festen Wohnsitz häufig in Wohnwagen umherzogen, ist dieser Begriff heute nicht mehr zutreffend, da die Mehrheit von ihnen ortsansässig ist. Ausnahmen davon bilden einige Gruppen in Frankreich und England sowie Roma, die nur in der schönen Jahreszeit umherziehen, im Winter jedoch feste Wohnungen haben.

Eine Gemeinsamkeit aller Roma ist ihre Sprache, das Romanes bzw. Romani, das von etwa drei Vierteln der Roma im jeweiligen regionalen Dialekt gesprochen wird. Neben dem Romanes beherrschen die Roma auch die Sprache ihres Landes.

Ein verfolgtes Volk

Schon aus dem Mittelalter sind Übergriffe und Feindseligkeiten gegen "Zigeuner" überliefert. Im 15. Jahrhundert haben die Bewohner der Städte sie unter Gewaltanwendung auf das Land gejagt. Später waren sie von der Rechtsprechung ausgeschlossen. Ende des 18. Jahrhunderts gab es Versuche, das so genannte fahrende Volk zur Sesshaftigkeit zu zwingen.

Im Ersten Weltkriegs kämpften Sinti und Roma auf beiden Seiten. Kriegsuntaugliche Roma wurden zu öffentlichen Arbeiten zwangsverpflichtet. Geld bekamen sie dafür nicht, nur Verpflegung und Unterkunft. Allen wandernden Roma wurden in dieser Zeit Pferde und Wagen abgenommen.

1936 wurde in Wien die Internationale Zentralstelle zur Bekämpfung der so titulierten Zigeunerplage geschaffen. Daten wurden gesammelt, und innerhalb von zwei Jahren 8000 Roma mit ihren Fingerabdrücken erfasst. Somit schuf Österreich die Grundlage für die später folgende Verfolgung und den Völkermord an den Roma.

Die nationalsozialistische Politik ging mit ihrer rassenbiologisch motivierten Verfolgung weit über die bis dahin übliche Kriminalisierung der "Zigeuner" hinaus. Es fing mit Zwangssterilisationen und Eheverboten an und mündete in die systematische Vernichtung: Durch gezielte Massentötung in den Vernichtungslagern sollte das Volk ausgerottet werden. Sinti und Roma gehören zusammen mit anderen Gruppen zu den Opfern des nationalsozialistischen Holocausts. In Auschwitz-Birkenau existierte ein eigener Lagerabschnitt für sie. Unter anderem wurden sie dort Opfer grausamer Menschenversuche des berüchtigten KZ-Arztes Josef Mengele.

Wie viele Sinti und Roma insgesamt während der NS-Diktatur umkamen, ist nicht bekannt, da viele Vernichtungslager in Polen, der Sowjetunion, Ungarn und Serbien lagen. Alleine in Deutschland sollen zwischen 1938 und 1945 etwa 15.000 Menschen als Zigeuner" oder Zigeunermischlinge umgebracht worden sein.

Erst 1982 wurde der Völkermord an diesen Menschen von der Bundesrepublik als solcher anerkannt.

Vorurteile und Ausgrenzung sind noch immer gegenwärtig

Schätzungen zufolge leben in Deutschland 60.000 bis 70.000 Sinti und um die 40.000 Angehörige anderer Roma-Gruppen. Zwischen 1991 und 1999 sind rund 50.000 von ihnen aus Bosnien nach Deutschland geflohen, darunter 15 000 Roma-Kinder. Viele von ihnen sind von Abschiebung bedroht und müssen ohne dauerhafte Perspektive auskommen.

In vielen Reden von Politikern bekommen Sinti und Roma Unterstützung, im Alltag dagegen kaum. Die teilweise rigorosen wirtschaftlichen Maßnahmen in einigen Ländern treffen sie besonders hart. Die schulische Bildung der Sinti und Roma ist oft mangelhaft. Die traditionellen Berufe der Sinti und Roma werden nicht mehr gebraucht.

Die aktuellen Unicef-Studien zur Lage von Sinti und Roma in Deutschland und in Osteuropa belegen, dass die Lage der auf acht bis zwölf Millionen Menschen geschätzten Minderheit nicht nur in ihren Herkunftsländern desaströs ist. Auch ihre Situation in Deutschland lässt deutlich zu wünschen übrig: Die meisten Roma-Familien leiden laut Unicef unter "sozialer Ausgrenzung und Stigmatisierung", leben in "ständiger Angst vor Abschiebung" und "beengten und isolierten Wohnverhältnissen" und verfügen nur über "eingeschränkte gesellschaftliche Teilnahmemöglichkeiten".

Etwa zwei Drittel der Familien sind lediglich geduldet. Sie müssen jederzeit mit ihrer Abschiebung rechnen. Sie dürfen nicht arbeiten, erhalten nur 70 Prozent des Sozialhilfesatzes und haben keinen Anspruch auf Kindergeld oder Erziehungsgeld. Sie dürfen auch nicht an Sprach- und Integrationskursen teilnehmen. Kinder, die nicht wissen, ob sie nächste Woche noch in Deutschland sein dürfen, denken an die Polizei, wenn sie eigentlich Mathe lernen sollen und trauen sich häufig nicht zur Schule. Und in einigen Bundesländern gehören sie dort auch gar nicht hin: Baden-Württemberg, Hessen und das Saarland haben bis heute keine Schulpflicht für Flüchtlingskinder. Im Saarland haben Schüler nicht einmal das Recht zum Schulbesuch.

Dort, wo Sinti- und Romakinder die Schule besuchen dürfen, erleben sie Vorurteile. Zum Beispiel weigern sich Schüler, sich neben sie zu setzen, weil sie angeblich Läuse hätten. Die Vorurteile sind seit Jahrhunderten die gleichen geblieben.

Auf den Internetseiten der Unicef und der Sinti und Roma erfährst du mehr.

Text: LM/RR, Bilder: Unicef (Frau mit Kind), Wikipedia GNU (alle anderen Bilder)

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