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1961: Türkische Gastarbeiter kommen ins Land

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1961: Türkische Gastarbeiter kommen ins Land

In Deutschland leben knapp 7 Millionen Ausländer. Der größte Teil nämlich 1,6 Millionen kommt aus der Türkei. Es sind Menschen, die einst als Gastarbeiter in unser Land kamen oder ihre Kinder und Kindeskinder. Weil Arbeitskräfte fehlten, warb die Bundesrepublik seit den 50er Jahren gezielt Ausländer an, ab 1961 auch aus der Türkei.

Die 50er Jahre waren die Zeit des Wirtschaftswunders in Deutschland. Die Industrie blühte. Doch der Zweite Weltkrieg hatte in der Bevölkerung seine Spuren hinterlassen: viele männliche Arbeitskräfte fehlten und der junge Jahrgang, der folgte, war geburtenschwach. Das Problem verschärfte sich, als durch den Bau der Mauer 1961 der Zustrom von Arbeitswilligen aus dem östlichen Teil Deutschlands abriss.    

Gastarbeiter aus halb Europa 

Die Bundesrepublik wandte sich zunächst an sein Nachbarland Italien. 1955 wurde ein entsprechendes Anwerbeabkommen geschlossen und die ersten Gastarbeiter kamen ins Land. Später folgten Hilfsarbeiter aus Spanien und Griechenland (1960), 1961 aus der Türkei, später aus Portugal, Marokko, Tunesien und dem ehemaligen Jugoslawien.

Initiative der Türkei 

Gastarbeiter aus der Türkei kamen auf Drängen der Türken selbst nach Deutschland. Das Land erhoffte sich durch die Entsendung von Arbeitskräften in die Bundesrepublik gute Handelsbeziehung. Außerdem wollte die Türkei ihre eigene Industrie stärken: Mit Arbeitern, die in Deutschland modernste Produktionstechniken erlernen und diese dann wieder ins eigene Land zurückbringen sollten.

Druck durch die USA


Von deutscher Seite herrschte zunächst Skepis. Die Bundesregierung befürchtete, Arbeiter mit einem völlig anderen kulturellen und religiösen Hintergrund würden sich schwer in die Betriebe einfügen lassen. Den endgültigen Stein ins Rollen brachte die USA. Amerika hatte die Türkei soeben als NATO-Partner gewonnen und  wollte das Land wirtschaftlicher stabiler machen. Die Bundesrepublik musste sich dem außenpolitischen Druck beugen.
 
Strenges Auswahlverfahren


Am 30. Oktober 1961 wurde das Anwerbeabkommen zwischen Deutschland und der Türkei in Bad Godesberg unterzeichnet. Was nun folgte, war ein strenges Auswahlverfahren. Die potentiellen Gastarbeiter wurden zunächst auf Herz und Nieren geprüft. Wer in die Vorauswahl kam, musste bei der Auslandsabteilung des türkischen Arbeitsamtes in Istanbul vorstellig werden. Eine eigens eingerichtete deutsche Vermittlungsstelle testete dort, ob die Bewerber beruflich qualifiziert und körperlich gesund waren und, ob sie lesen und schreiben konnten.

Begrenzte Aufenthaltsgenehmigung

Zu diesem Zeitpunkt wurde nicht im Entferntesten daran gedacht, dass sich ausländische Arbeitskräfte dauerhaft in Deutschland niederlassen würden. Das Anwerbeabkommen sah vor, dass die Gastarbeiter maximal zwei Jahr bleiben durften - Verlängerung ausgeschlossen. Zwei weitere Voraussetzungen gab es: Die Bewerber mussten unverheiratet sein und durften nur aus dem europäischen Teil der Türkei kommen.

Kein Himmel auf Erden

Wer das Bewerberverfahren erfolgreich durchlaufen hatte, den erwartete nicht etwa der Himmel auf Erden, sondern der harte deutsche Arbeitsalltag. Die Stellen, die mit Gastarbeitern besetzt wurden, waren meist mit harter  körperlicher, zuweilen auch schmutziger Arbeit verbunden. Die Gastarbeiter wurden zum Beispiel im Bergbau eingesetzt oder in der Metall- oder Textilindustrie. Statt schöner Wohnungen wurden Wohnheimzimmer oder Holzbaracken bereitgestellt, meist ganz in der Nähe des Arbeitsplatzes.

Ziel: Viel Geld verdienen

Doch die türkischen Gastarbeiter waren hart im Nehmen. Ihnen ging es in erster Linie darum, viel Geld zu verdienen, um nach ihrer Rückkehr in die Heimat die Familie zu versorgen und ein besseres Leben führen zu können. Echte Integrationsmaßnahmen von deutscher Seite gab es nicht. Schließlich war auf beiden Seiten niemand auf dauerhaftes Bleiben eingestellt.
 
Fremde Welt

Für die Gastarbeiter war alles in Deutschland neu und fremd: Die Sprache, die Mentalität, das Essen. Die meisten hatten großes Heimweh nach ihren Familien. Echte Kontakte zu Deutschen gab es abseits des Arbeitsplatzes nicht. Die deutschen Lebensgewohnheiten versuchte man den Gastarbeitern etwas unbeholfen per Lehrfilm zu vermitteln.

Wirtschaftskrise

Die Situation änderte sich drastisch Ende der 60er Jahre. In der Wirtschaft lief es nicht mehr so gut. Die so genannte Rezession setzte ein. Als die Wirtschaftskrise 1973 ihren Höhepunkt erreichte, stoppte Deutschland die Anwerbung von Gastarbeitern. Gleichzeitig wollten viele Firmen die eingearbeiteten Kräfte nicht mehr abgeben. Das führte dazu, dass viele ihre Familien nachholten und sich auf einen Daueraufenthalt einrichteten. Deutschland wurde zum Einwandererland.

Elf Millionen gingen zurück

Bis 1973 waren 14 Millionen Gastarbeiter nach Deutschland gekommen. Elf Millionen kehrten zurück, zum Teil, weil sie von der Bundesregierung dafür Geld bekamen. Die, die blieben, wohnen jetzt schon in der zweiten oder dritten Generation hier. Viele sind mittlerweile eingebürgert und besitzen den deutschen Pass, weil sie das Leben hier gestalten und mitbestimmen wollen.

Probleme mit der Integration

Ob die Integration der Türken in Deutschland gelungen ist? Das kann man nicht pauschal beurteilen. Viele haben Karriere gemacht, sind in Deutschland voll integriert. Sozialwissenschaftler beobachten aber nach wie vor, dass viele Türken am liebsten unter sich sind. Außerdem spricht etwa jeder 5. die Sprache nur mangelhaft, was Probleme mit Bildung und Beruf mit sich bringt. Hier herrscht Verbesserungsbedarf, auch durch die Politik.

Nic 27.10.2011 / Fotos pd

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