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Aktuelles / Reportage Film / Hintergründe

Wie wird man Filmkomponist?

Fast jeder kennt die Melodie der Kindersendung "Löwenzahn" - und wir wissen, wer sie geschrieben hat: Martin Cyrus und sein Kollege Matthias Raue. Martin Cyrus, geboren in Frankfurt, lebt heute in Nürnberg und im portugiesischen Lagos. Er hat uns freundlicherweise erzählt, wie er Komponist wurde, wie er zur Filmmusik kam und wie sich seine Arbeit im Lauf der Zeit verändert hat.

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martincyrus22.jpgSchon als Kind bekam Martin Cyrus Klavierunterricht und sang im Schulchor – aber an das Komponieren dachte er damals noch nicht. Und klassische Musik, die war für den kleinen Cyrus ein Grauen!
 
Die Liebe zur Folkmusik
 
Er wollte zwar selbst Musik machen, wusste aber lange nicht, wohin seine musikalische Reise gehen sollte. Dann begegnete er amerikanischen Folkmusikern, die Anfang der siebziger Jahre nach Deutschland kamen – und war begeistert. Mit Banjo und Gitarre bewaffnet, spielte er gemeinsam mit Bands und Straßenmusikanten im Stile seiner großen Vorbilder wie Crosby, Stills & Nash.
 
Über das Theater zum Film
 
Unter seinen Freunden waren auch Theatermusiker der Städtischen Bühnen in Frankfurt und die brachten auch ihn auf die Bühne. Als ein Musiker fehlte, fragten sie den damaligen Studenten, ob er nicht mitmachen wollte. So begleitete er die Inszenierung „Richards Korkbein“ mit ein paar Liedern. Das war toll: Er konnte mit Musik ein paar Mark verdienen und spannende Erfahrungen sammeln!
 
Regisseur Arend Agthe
 
Ende der 70er Jahre lernte der Musiker dann den Film- und Fernsehregisseur Arend Agthe kennen. Der machte Kinderfilme, aber auch Fernsehsendungen wie „Spaß am Montag“. Der Regisseur bat Cyrus Musik für Szenen in „Spaß am Montag“ zu schreiben. Gebraucht wurden Kinderlieder für fünf Minuten lange Drehbücher, wie die „Piratenballaden“. Diese Lieder mussten natürlich gefühlvoll sein! Damit ein Lied zu einem Film gefühlvoll wird, arbeiten Komponisten gern mit einem „Trick“: Jeder Figur wird ein bestimmtes Instrument zugeordnet, mit einer bestimmten Melodie und Tonlage. So unterstreicht die Musik den angestrebten Charakter einer Figur und verdeutlicht eine bestimmte Gefühlslage. Eine traurige Figur wird zur Klarinette, ein dicker Polizist entspricht einer Tuba.
 
martincyrus_ausschnitt2.jpgKinderfilm-Musik
 
Für zahlreiche Kinder- und Jugendfilme von Arend Agthe macht Martin Cyrus gemeinsam mit seinem Kollegen Matthias Raue die Musik. Zum Beispiel für „Flussfahrt mit Huhn“ (1983), „Küken für Kairo“ (1985), „Der Sommer des Falken“, (1987) oder „Karakum – das Wüstenabenteuer“ (1993), der in Deutschland und Turkmenistan gedreht wurde. „Karakum“ erhielt 1994 den UNICEF-Preis und wurde auf dem Kinderfilmfest der Berlinale gezeigt.
 
Wie Filmmusik früher produziert wurde:
 
Früher wurde das Lied in Rohform auf eine Kassette überspielt, dann ging man ins Studio und nahm mit dem Mehrspurtonbandgerät über das Mischpult verschiedene Spuren auf. Erst wurde die Gitarre auf einer Spur aufgenommen, dann die Mundorgel auf einer zweiten und schließlich der Gesang. Wenn jede einzelne Spur perfekt klang, mischte ein Tontechniker alle Spuren über- und ineinander.
 
Computer – und alles wird anders
 
Heutzutage gibt es so gute Musikprogramme für Computer, dass kaum ein Zuhörer noch merkt, wenn die Musik im Computer erstellt und gemischt wurde. Man kann also selbst Musik machen, ohne ein Instrument zu spielen. Dazu benötigt man nur einen schnellen Computer mit viel Speicher, ein Editor-Programm, Sampler mit den gewünschten Instrumenten und entsprechende Musikprogramme zum Schneiden. Bei Bedarf braucht man nicht mehr einen Geiger ins Studio holen, sondern nur noch die passende CD einwerfen – und schon hat man die gewünschten Geigentöne. Trotzdem muss man ganz genau wissen, wie jedes Instrument gespielt wird und wie es klingen soll.
 
Oder man trifft sich gleichzeitig in einem Studio in San Francisco und Hamburg. Schlagzeuger und Gitarrist sitzen in einem Studio in München, in San Francisco der Sänger und der Bass. Alle spielen ihren Part ein. Und dann wird jede Stimme „online“ gemischt - fertig.
 
Komponieren für den „Tatort“
 
Martin Cyrus macht auch Musik für die Krimiserie „Tatort“, wie für die 505. Folge des SWR „Bienzle und der süße Tod“, der im Juli 2002 zum ersten Mal ausgestrahlt wurde. Gemeinsam mit seinem Kollegen Matthias Raue erhält er ein vorläufiges Drehbuch vom Regisseur. Der erzählt seine Vorstellungen von den Szenen und Figuren und welche Instrumente zum Beispiel die Leitmotive spielen sollen, ob Gesang dabei sein soll oder nicht. Wenn Chorgesang gefragt ist, dann muss auch häufig extra ein Stück geschrieben und natürlich geprobt werden. All das muss fertig sein, bevor die eigentlichen Dreharbeiten beginnen.
 
Komponieren mit der Stoppuhr
 
Währenddessen hat der Regisseur schon gedreht und schickt den beiden den Rohschnitt. Gemeinsam sieht man sich die Szenen an und setzt Timecodes. Die geben an, wo ein Musikstück exakt anfangen und wieder aufhören soll. Es müssen Spannungsbögen entwickelt werden, die beim Zuschauer die gewünschten Gefühle hervorrufen. Etwa Verzweiflung, Angst, Hass, Trauer oder auch Liebe, Ruhe oder Hektik. Die einzelnen Instrumente, Tonlagen und Melodien müssen genau zu den Schauspielern und ihren Rollen passen. Eigentlich fühlt sich Martin bei der Arbeit für einen Krimi oft auch als Geräuschemacher und nicht nur als Komponist. Denn die Musik ist im Krimi dazu da, die Geschichte, die Bilder, Sequenzen und Figuren zu begleiten, aber nicht um allein und eigenständig als Lieder wirken zu dürfen.
 
Ein Traum
 
Einen Komponistentraum gibt es auch: Martin Cyrus würde gerne mal wieder mit mutigen Regisseuren und Produzenten zusammenarbeiten. Die sollten dann den Mut beweisen, Bilder lange stehen zu lassen – dafür würde er dann Musik komponieren, die auch allein stehen könnte – und mit etwas Glück käme dabei eine richtig berühmte Melodie heraus.
 
-ab-24.10.03 Interview mit Martin Cyrus/ Bilder: Martin Cyrus.

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